Die Neuerfindung Godesbergs
Die Nachkriegsjahre in Bad Godesberg lesen sich wie ein Wettlauf – gegen die Uhr, gegen die Wohnungsnot und manchmal gegen die eigene Stadtverwaltung. Mittendrin: Stadtdirektor Josef Hermanns. Ein spannender Spaziergang in die Historie
(26. Januar 2026, General-Anzeiger)
Von Richard Bongartz
Bad Godesberg. Es war die Zeit, in der in Bad Godesberg die Dampfloks noch seufzten. Kurz bevor sie im Bahnhof zum Halten kamen, schnauften sie noch einmal laut, rundherum hielten Kinder sich die Ohren zu. Irgendwann werden die Loks ausgeraucht haben. Dazu begann in der noch eigenständigen Stadt ein Wiederaufbau, der in einem Tempo erfolgte, von dem Politik, Verwaltung und am Ende die Menschen nur träumen können.
Mittendrin agierte Stadtdirektor Joseph Hermanns, den Ursula Cremer – seine Tochter – sowie Iris Henseler-Unger in den Heimatblättern 62 aus nächster Nähe beschreiben. „Die desolate Lage der Stadt“ sei zu Beginn seiner Amtszeit „wahrhaftig keine gesunden Verhältnisse“ gewesen, zitiert Cremer den damaligen Bürgermeister Heinrich Hopmann. Es waren die Jahre, in denen sich Bad Godesberg neu erfand. Cremer nennt sie vor allem „turbulent“.
Wer heute im Kurpark steht, in die Bäume schaut und überlegt, wie man die vor sich hin rottende Stadthalle retten könnte, hat wohl kaum ein Bild davon, wie dort in den späten 1940ern vor allem Improvisation regierte. Der Krieg hatte zwar wenig zerstört, aber viel verschoben. Vor allem Menschen.
Zu denen zählten die Alliierten, die reihenweise Häuser requirierten: 1952 waren es noch 86 französische, 90 amerikanische und 56 englische Beschlagnahmungen. Es entstand Wohnungsnot. Hermanns, frisch im Amt, musste daher gleichzeitig Wohnraum schaffen und Stadtpolitik machen. Ein Spagat, der in dem ganzen Durcheinander schwer zu schaffen war.
Während der Stadtdirektor versuchte, das Chaos zu sortieren, wuchs Godesberg in einem Tempo, das selbst in heutigen Großstadtzeiten so rasant nicht mehr geht. 1939 waren es 30.347 Einwohner, 1953 schon 51.064. Die Diplomaten, die nicht meldepflichtig waren, sind in dieser Statistik noch nicht einmal sichtbar.
Cremer beschreibt, wie die Stadt „für die vielen Neubürger Wohnraum geplant und beschafft“ habe. So entstanden anfangs in nur zehn Jahren 7468 neue Wohnungen, die Stadt Bad Godesberg verdoppelte sich mal eben so.
Cremer erinnert sich, dass ihr Vater häufig Erkundungsgänge unternahm – mit offenen Augen und manchmal mit der Familie im Schlepptau. Die Stadt lag ihm am Herzen und dabei noch vor seinen Füßen. Jeder dieser Wege führte allerdings zu neuen Problemen. Aber auch zu Lösungen, die praktikabel und nützlich waren: so etwa der Neubau moderner Schulen, nachdem die Zahl der Volksschüler von 1939 bis 1952 von 2303 auf 4455 stieg. Fast schon genial war die Idee, den stark zerlöcherten Kurpark von Kleingärten zu befreien, um ihn ab 1948 der Öffentlichkeit zurückzugeben.
Der Wiederaufbau war wahrhaftig kein Spaziergang bei mildem Frühlingswetter. Er war ein Rennen gegen die Uhr. Cremer erinnert sich aus ihrer Kindheit an den Einfallsreichtum der Leute: Bei der Weihnachtsfeier der Feuerwehr beeindruckte sie das „blitzschnelle Anzünden der Kerzen mithilfe einer Zündschnur“.
Sie erzählt, dass ihr Vater sich nie mit halben Lösungen zufriedengab. „Ich muss immer offen meine Meinung sagen“, habe er erklärt, „ich kann nicht einfach die Hand in der Tasche ballen und schweigen“.
Der Spaziergang führt weiter in die Mitte der Stadt: den Theaterplatz. Da zeigt sich, wie Bad Godesberg in Rekordzeit vom improvisierten Nachkriegsort zum kulturellen Zentrum avancierte. Das Stadttheater, 1952 eröffnet und heute das Schauspielhaus, war dann der erste Theaterneubau der jungen Bundesrepublik, wie es auch die Stadt Bonn bestätigt. Hopmann nannte das Richtfest 1955 „einen historischen Augenblick für unsere Stadt“.
Die Stadthalle, die noch im selben Jahr mit Bundespräsident Theodor Heuss eingeweiht wurde und die abgerissene „Kulturscheune“ (Volksgartensaal) ersetzte, galt als „der schönste Bau zwischen Basel und Kleve“ – so formulierte es der stellvertretende Bürgermeister Hubert Peter. Ob das heute noch jemand sagen würde? Das Gebäude ermöglichte aber immerhin, dass Godesberg den Sprung zur Kongressstadt schaffte. 1959 wurde dort das Godesberger Programm der SPD verabschiedet.
Die Entwicklung zur internationalen Stadt führte zu einer weiteren Besonderheit: Die Viertel bekamen ein neues Gesicht. Diplomaten zogen ein, Beamte folgten, Wahlsprüche änderten sich. Die Stadt wandelte sich vom Kurort zur Schaltstelle politischer Ereignisse.
Vieles davon lässt sich heute kaum noch vorstellen, Cremer erinnert daran: Zum Beispiel, dass Konrad Adenauer die Fähre zur Überquerung des Rheins nutzte und Stadtdirektor Hermanns dabei regelmäßig grüßte.
1958/59, kurz vor seinem Tod, besuchte Hermanns das Gut Heiderhof – damals ein abgeschiedener Ort auf einem Hügel. Dort „fühlte er vor“, ob das Gelände für einen neuen Stadtteil geeignet sei. Der spätere Heiderhof entstand tatsächlich, aber Hermanns erlebte ihn nicht mehr.
Hopmann würdigte in seiner Trauerrede den Weitblick und die enorme Last, die Hermanns getragen habe. Er sprach von einem Mann mit „großer Leistungsfähigkeit und Willenskraft“. Es war ein großes Lob.
Bad Godesberg verstand den Wiederaufbau nicht als reines Verwaltungsprojekt. Es war auch ein sozialer Aufbruch, begleitet von Vereinen, Kirchengemeinden und einem lebendigen Vereinswesen. In diesen Jahren entstanden neue Pfarreien, neue Schulprofile – sogar der erste Schüleraustausch mit Tunbridge Wells im Jahr 1952, den Cremer beschreibt, passt in diesen kulturellen Aufbruch. Auch der öffentliche Nahverkehr entwickelte sich rasant: Fünf Buslinien wurden bis 1957 eingerichtet, mit dem Theaterplatz als zentralem Knotenpunkt. Bad Godesberg wurde im Zuge der nordrhein-westfälischen Gebietsreform am 1. August 1969 nach Bonn eingemeindet und bildet seitdem einen der vier Stadtbezirke.
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