Wie Godesberg zu Bad Godesberg wurde
Briefe, Erlasse und Papierchaos: Vor 100 Jahren kämpfte Bad Godesbergs Bürgermeister ums „Bad“ im Namen – und gewann
(6. Juni 2026, General-Anzeiger)
Von Felizia Schug
Bad Godesberg. Ein hartnäckiger Bürgermeister und die Sehnsucht nach einem „Bad“: Vor 100 Jahren wurde Godesberg offiziell zu Bad Godesberg umbenannt. Die Gründe dafür waren vielfältig: Die Gefahr der Verwechslung mit Gottesberg, Gudensberg oder Gevelsberg beispielsweise – wie der damalige Godesberger Bürgermeister, Wilhelm Josef Zander, 1926 in einem Brief an den Bonner Landrat schrieb.
Zander argumentierte laut Iris Henseler-Unger, die den Vorgang in den Godesberger Heimatblättern rekonstruiert hat, es bestehe „Verwechslungsgefahr mit anderen Orten aus Sicht der Post, der Reichsbahn und der Köln-Düsseldorfer Dampfschifffahrt“. Außerdem war Godesberg damals, wie auch Zander anführte, als Bade- und Kurort bekannt und verfügte über zahlreiche Kureinrichtungen „sowohl der medizinischen als auch der kulturellen Natur“. Kriterien, die auch heute noch entscheidend für die Namensgebung sind.
Im Kurortegesetz (KOG) von Nordrhein-Westfalen ist festgeschrieben, welche Kriterien ein Kurort erfüllen muss. In Paragraf 2 heißt es: „Gemeinden werden auf Antrag als Kurort mit einer der nachfolgenden Artbezeichnungen staatlich anerkannt, wenn sie die in diesem Gesetz geforderten Voraussetzungen erfüllen.“ Zu den Voraussetzungen gehört, dass es vor Ort ein Heil-, Mineral-, Thermal-, Sole-, Peloid- oder Moorheilbad geben muss. Auch ein Kneipp-Heilbad, verschiedene Kurorte und Kurbetriebe werden aufgeführt.
Godesberg war seit den 1790er Jahren ein bekannter Kurort. Insbesondere Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts – noch vor dem Ersten Weltkrieg – kannten Reisende am Rhein den Ort südlich von Bonn: Dort gab es Heilquellen, Kureinrichtungen und Kulturveranstaltungen. Die Kurdirektion warb 1904 in der Deutschen Reichszeitung in Bonn – und nannte den Ort dabei „Bad Godesberg am Rhein“. Offiziell hieß er so jedoch noch nicht.
Dann kam der Erste Weltkrieg. Und danach die französische Besatzung, die in Godesberg bis zum 1. Februar 1926 andauerte. Der Kurbetrieb stand mehr oder weniger still, die Gäste blieben aus und die Kassen leer. Vor 100 Jahren, am 3. Juni 1926 (tatsächlich wurde dieser Beschluss am 3. Juni 1925 gefasst, VHH-Redaktion), beschloss der Kur- und Badeausschuss, die postalische Bezeichnung von Godesberg in Bad Godesberg zu ändern. Fünf Tage später schloss sich der Gemeindeausschuss an und forderte Post und Bahn auf, den Namen Bad Godesberg ebenfalls zu nutzen. Womit eine Diskussion um Details begann: Der Gemeinderat und die sogenannte Verkehrsdeputation – ein zeitlich befristetes Gremium der Gemeinde, das heutzutage mit einer Kommission vergleichbar wäre – votierten für den Namen „Bad Godesberg am Rhein“. Der Gemeindehauptausschuss sprach sich für „Bad Godesberg (Rhein)“ aus.
Bürgermeister Zander, der die Umbenennung maßgeblich vorantrieb, schrieb in seinem Brief an den Bonner Landrat nicht nur von der namentlichen Verwechslungsgefahr von Godesberg, sondern bat ihn darum, beim preußischen Innenministerium in Berlin den Namen „Bad Godesberg (Rhein)“ zu beantragen. Er wollte dem ehemaligen Kurort nach der Besatzungszeit damit zu einer neuen Chance verhelfen.
Doch so einfach war das nicht. Die Reichsbahndirektion Köln befürwortete die kurze Namensvariante „Godesberg (Rhein)“ – aus praktischen Gründen. Während der Verkehrsverein Bad Godesberg am Rhein, mit gleichlautendem Briefkopf, das nicht auf sich sitzen lassen wollte. Der Godesberger Verein erklärte in einem Schreiben an Zander, er verzichte lieber auf den Zusatz „Rhein“ als auf das „Bad“. Dem stimmte auch der damalige Bürgermeister zu und schrieb im April erneut dem Bonner Landrat: Er lehnte den Vorschlag der Reichsbahndirektion ab und beharrte auf dem bereits beantragten Namen.
Im Juni entschied dann das preußische Staatsministerium, vergleichbar mit der heutigen Landesregierung, dass die Landgemeinde, nicht der Ort Godesberg, nun Bad Godesberg heißen sollte. Es folgten bürokratische Ungereimtheiten: So nannte sich die Landbürgermeisterei plötzlich „Landbürgermeisterei Bad Godesberg“ – was der Regierungspräsident sofort untersagte. In amtlichen Dokumenten tauchten immer wieder die Zusätze „am Rhein“ oder „Rhein“ auf – was ebenfalls nicht vorgesehen war. Erst am 21. April 1927 – also rund ein Jahr nach dem Erlass – bestätigte das Katasteramt, das auch in seinen Büchern und Karten ab sofort „Bad Godesberg“ eingetragen sei.
Parallel zur Namensänderung versuchte Godesberg, seinen Kurbetrieb auch finanziell zu stärken. Der Kurdirektor beantragte in den 1920er-Jahren mehrfach die Wiedereinführung einer Kurtaxe „um die Gründung eines eigenen Kurorchesters und regelmäßige Kurveranstaltungen finanzieren zu können“, schreibt Iris Henseler-Unger in den Godesberger Heimatblättern. Auch wenn das Thema mehrfach diskutiert wurde, wurde das jedoch nie beschlossen.
Keine Kurtaxe, dafür Förderung: Der preußische Landtag beschloss im März 1927, eine Million Mark für Kurorte im Westen bereitzustellen. Unter den 16 geförderten Orten war neben Wiesbaden, Neuenahr und Aachen auch Godesberg – noch ohne „Bad“ – genannt. In Bad Godesberg selbst wurde das Geld unter anderem für die Verluste aus der Aufführung des „Großen Welttheaters“ 1926 und 1927 genutzt.
WICHTIGES PRÄDIKAT
Warum das „Bad“ so wichtig ist
Die Geschichte Bad Godesbergs wirft die Frage auf, warum Städte überhaupt „Bad“ im Namen tragen wollen. Der Nutzen ist erheblich, sowohl wirtschaftlich als auch kulturell. Ein „Bad“-Prädikat steigert den Bekanntheitsgrad eines Ortes, zieht Kurgäste und Touristen an und erhöht damit die Attraktivität des Ortes. Kurorte sind zudem berechtigt, von Besuchern Kurtaxe oder Kurabgaben zu fordern. Die Einnahmen müssen in den Bau und Erhalt der Kureinrichtungen fließen. Weitere Informationen zum Thema sind unter www.uni-muenster.de/Staedtegeschichte/portal/ zu finden. sfz
AUSSTELLUNG
Schau zum 100-jährigen Bestehen
Wer die Geschichte Bad Godesbergs nicht nur lesen, sondern erleben möchte, hat vom 15. September bis zum 25. Oktober 2026 im Haus an der Redoute die Möglichkeit dazu.
Der Verein für Heimatpflege und Heimatgeschichte Bad Godesberg zeigt dort die Ausstellung „Bad Godesberg 100 – Wann ist ein Bad ein Bad?“. Die Anfänge des Kurorts nach 1790 werden ebenso beleuchtet, wie die Hochzeit des Kurbetriebs um die Jahrhundertwende und der geplante Neuanfang nach dem Ersten Weltkrieg. Wer sich darüber hinaus mit der Geschichte Bad Godesbergs befassen will, kann einen Blick in die jährlich erscheinenden „Godesberger Heimatblätter“ des Vereins werfen. sfz

