Fabrikantenresidenz und Frauenklinik
Ein Beitrag in den Godesberger Heimatblättern verrät, warum die Villa an der Luisenstraße 40 in Rüngsdorf auf vielen Geburtsurkunden auftaucht
(8. Mai 2026, General-Anzeiger)
Von Bettina Köhl
Bad Godesberg. Die Recherche fing an mit einer Adresse: Luisenstraße 40. Hier muss laut Geburtsurkunden aus den 1950er und 1960er Jahren eine Frauenklinik gewesen sein, in der viele Godesberger Kinder geboren wurden. Ärztin Berny Hufstadt-Spahn hat im Kreißsaal geraucht, erinnern sich frühere Patientinnen. Die Zeiten ändern sich. Heute findet man weder die Adresse der Klinik, denn die Luisenstraße wurde nach der kommunalen Neuordnung von 1969 in Basteistraße umbenannt, noch die markante Villa, die dort einst gestanden hat. Bernd Birkholz ist für einen umfangreichen Bericht im neuen Band der Godesberger Heimatblätter tief in historische Quellen, Adressbücher und Archive eingetaucht und zeichnet die Geschichte des Ortes und seine Bewohner nach.
„Während nahezu eines Jahrhunderts zeigen die Zustände und Lebensverhältnisse auf dem Parkgrundstück mit seiner Villa ein Spiegelbild der Entwicklung Bad Godesbergs über die Epochen hinweg“, sagt der Autor. Es begann damit, dass vermögende Bankiers und Fabrikanten aus Köln und dem Ruhrgebiet ab Mitte des 19. Jahrhunderts das Rheinufer zwischen Rolandseck und Bonn als Sommerfrische entdeckten. Sie bauten repräsentative Villen und Landhäuser, von denen viele heute noch erhalten sind.
Der Kölner Kaufmann Johann Josef Kreuser besaß solch eine Villa in Rüngsdorf. Er hatte 1869 Elise Braubach geheiratet, woraus auch eine geschäftliche Beziehung zur Firma Gebrüder Braubach erwuchs, einer „Fabrik in Bändern, Litzen- und Strumpfwaaren, Großhandlung in Garnen, Corsets und Kurzwaaren“, wie es in Originalschreibweise in einem Kölner Adressbuch aus dem Jahr 1891 heißt. Die Villa lag ländlich zwischen Plittersdorf und Rüngsdorf. Unterhalb des Grundstücks verlief zunächst der Treidelpfad, auf dem Pferde die Lastkähne flussaufwärts zogen. 1903 wurde die Promenade gebaut, die auch auf den Postkartenansichten des Rheinufers zu sehen ist.
Birkholz hat zahlreiche Zeitungsannoncen zusammengetragen, die den hohen Lebensstandard der Familie Kreuser mit Hausmädchen und zwei Kutschern dokumentierten. Außerdem gab es eine Terrierzucht. 1886 suchte Kreuser per Anzeige nach einem entlaufenen Foxterrier namens Miss und versprach eine „gute Belohnung“.
Stararchitekt des Godesberger Villenviertels
Kreuser starb 1917, seine Frau 1920. Dann kam ein kurzzeitiger, aber prominenter Nutzer: Der bekannte Architekt Willy Maß verlegte für zwei Jahre sein Büro von der Rüngsdorfer Straße an die Luisenstraße. „Willy Maß gilt als der ‚Stararchitekt’ des Godesberger Villenviertels. Er betrieb das Atelier für Architektur, dazu ein Unternehmen für Hoch- und Tiefbauten sowie eine Baumaterialienhandlung. Ihm sind alleine in Godesberg mindestens 80 Villen, größere Wohnhäuser, Fabrikgebäude, öffentliche Bauten und viele Siedlungshäuser zuzuschreiben. Viele davon sind bis heute vorhanden, und ein bedeutender Teil davon steht unter Denkmalschutz“, ordnet Birkholz ein.
Nächster Eigentümer der Villa war der Zuckerfabrikant Ernst Wrede aus Sachsen-Anhalt, der im Rheinland verschiedene Geschäfte aufbaute. Seine Frau Elisabeth Wrede war für verschiedene karitative Organisationen tätig. Schwiegersohn Martin Niemöller bot Villa und Grundstück 1937 der Stadt Bad Godesberg zum Kauf an: „Wegen der abgeschlossenen Lage, der Solidität der Gebäude würden sich diese nach geringen Änderungen vorzüglich für eine Schule eignen. Sofern der geräumige Park nicht in seiner ganzen Ausdehnung zum Tummelplatz und weiteren Schulgebäuden gebraucht wird, lassen sich rechts und links der Tulpenbaumallee eine ganze Anzahl Häuser errichten.“
Weil die Stadt keine Verwertungsmöglichkeiten für das Gelände sah, griff der Krefelder Textilkaufmann Peter Hellenthal zu. In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg reagierte er auf die Wohnungsnot und wollte die Villa in fünf Wohnungen aufteilen. Er änderte seine Pläne, weil eine Ärztin und ein Arzt aus Köln das Gebäude für eine Frauenklinik mieten wollten. Es wurden Baracken für Personal und zusätzliche Patienten errichtet. 1948 wurde in der Villa zusätzlich zur Frauenklinik ein Knappschafts-Kurheim für Lungenkranke mit über 60 Betten eingerichtet.
Eigentümer der Villa blieb Peter Hellenthal, der mit seinem Schwager Walter Pool drei Sport- und Modehäuser betrieb (Reebohaus Bad Godesberg und Bonn, Textilkaufhauses Gentrup). Pool wirkte noch an einem anderen Kapitel der Regionalgeschichte mit, nämlich als Beteiligter am „Seilbahnstreit“ von Rhöndorf. Er war Mitbegründer der Drachenfels Luftseilbahn Gesellschaft, die einen prominenten Gegner hatte: Bundeskanzler Konrad Adenauer. Die touristische Seilbahn von dessen Wohnort Rhöndorf zum Drachenfels wurde nie gebaut.
Die Patientinnen der gegenüberliegenden Klinik genossen offenbar die Aussicht auf das Siebengebirge, nicht aber die Verpflegung, wie auf einer Postkarte von 1957 nachzulesen ist: „Die Karte zeigt unser Heim. Von außen schöne Schale. Innen schlechter als 3. Klasse Dorstener Krankenhaus. Essen reichlich, aber nicht so schmackhaft wie zu Hause. Unser Haus liegt direkt am Rhein, neben uns liegt das Bundesministerium für Atomfragen.“ Das frühere Hotel Godesberger Hof auf dem nördlichen Nachbargrundstück, direkt neben dem heutigen Panoramapark, war schon zu Beginn der 1950er Jahre zu Büros umgebaut worden.
Dr. Berny Hufstadt-Spahn brachte in Bad Godesberg viele Kinder zur Welt. Bis 1972 ist ihre Klinik im Bonner Adressbuch verzeichnet. Die Gynäkologin starb 1973 „unerwartet nach kurzer Krankheit“. Im selben Jahr erteilte die Stadt Bonn die Abbruchgenehmigung für die in die Jahre gekommene Villa an der Luisenstraße 40. Auf dem Grundstück wurde ein treppenartiger Wohnkomplex mit bis zu fünf Stockwerken errichtet. An die verschwundene Klinik erinnern nur noch die Geburtsurkunden oder der Rauch, der am Rheinufer weht, wenn sich jemand eine Zigarette anzündet.

