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VHH
Verein für Heimatpflege und Heimatgeschichte Bad Godesberg e.V.

Ein alter Brief lüftet das Familiengeheimnis

Hildegard Taube, 88, blättert ein Album auf – und plötzlich steht da ein Kind am Zaun, dahinter Damwild. Kurz danach liegt ein Sütterlin-Brief von 1939 auf dem Tisch. Wer war der Vater, über den nie gesprochen wurde?

(15. April 2026, General-Anzeiger)

Von Richard Bongartz

Bad Godesberg/Wachtberg. Zwei kleine Schwarzweißfotos aus längst vergangenen Zeiten: Ein kleines Mädchen im Tierpark, hinter dem Zaun steht Damwild. Die Aufnahmen, vermutlich zu Beginn der 1940er Jahre, sind so gestochen scharf wie bislang kein anderer gefundener Beleg für das Wildgehege im Bad Godesberger Kurpark. Der Verein für Heimatpflege und Heimatgeschichte Bad Godesberg (VHH), der gerade einen Bericht in seinen neuen Heimatblättern 63 veröffentlicht hat, dürfte sich sehr dafür interessieren, was Hildegard Taube alles zu erzählen hat. Die eingefleischte Mehlemerin, die heute in Niederbachem wohnt, weiß einiges von ihrer Kindheit im Krieg zu berichten. Und von ihrer Suche nach ihrem bis dato unbekannten Vater viele Jahrzehnte später.

„Ich glaube, da bin ich vielleicht so drei, vier“, sagt Taube – 1938 geboren und heute 88 Jahre alt – zu den Bildern aus ihrem Familienalbum. Das übrigens würde bedeuten, dass der Park auch nach Kriegsbeginn noch existierte. Die Berichterstattung darüber endete aber laut VHH ab August 1939.

Interessant, wie viel nach so vielen Jahren im Kopf geblieben ist. Dazu gehört bei Taube auch der Vorgängerbau der Stadthalle direkt neben den Tieren. Es handelte sich um den Volksgartensaal, der nach Angaben von Bürger.Bad.Godesberg im März 1955 abgerissen wurde. Die Niederbachemerin erinnert sich noch an eine Aufführung, in der die Passion nachgespielt wurde. Sie sagt, sie sehe das Kreuz noch vor sich, und sie erinnert sich an die Hammerschläge. Als Kind nehme man Gerüche und Gefühle anders wahr, sie bleiben dann auf ewig in Erinnerung.

Dazu gehören auch weitere Parkerinnerungen: „Man fuhr mit der Straßenbahn von Mehlem nach Godesberg“, sagt Taube. Wie heute gab es ab und zu auch mal ein Eis. „Aber immer nur ein Bällchen“, wie sie erzählt.

Sie und ihre Mutter: ein festes Gespann. Denn „ich war ein uneheliches Kind“, so die 88-Jährige. Ein Makel, beide seien damit gesellschaftlich gebrandmarkt gewesen. Vom Vater keine Spur, es wurde auch nicht groß darüber geredet. Des Rätsels Lösung lag als Brief jahrzehntelang in einer Kiste, doch das wusste die junge Hildegard lange nicht.

Taube beklagt ihr Leben nicht, sie liebt es. Früher sei vieles viel anstrengender und ärmlicher gewesen. Wenn es heute neue Probleme gibt, geht sie pragmatisch ran. Etwa, als daheim die Sparkassenfiliale geschlossen wurde. Ihre von Hand geschriebenen Überweisungen brachte sie danach mit dem Bus zur Geschäftsstelle am Bad Godesberger Theaterplatz. Kein Problem. „Ich lese viel“, sagt Taube. „Ich habe schon als Kind viel gelesen.“

Dass sie dabei ihre Nase auch in einen alten Brief steckte, war persönliches Glück. So fand sie bei ihrer Mutter irgendwann eine alte Eduscho-Kaffee-Versandkiste. Diese Blechdosen aus den 1960er bis 1980er Jahren landeten fast automatisch im Haushalt und wurden nach dem Auspacken nicht entsorgt, sondern weitergenutzt, etwa zum Aufbewahren von Kleidung, Büchern oder eben Post.

So stieß die gelernte Industriekauffrau auf den „in Sütterlin geschriebenen Brief an meine Mutter.“ Ein bisschen schwer zu lesen, obwohl sie das in der Schule mal gelernt hatte. Auf dem Umschlag steht eine Adresse in Österreich, in Stein, einem Ortsteil von Krems an der Donau. In den am 15. Mai 1939 verfassten Zeilen spricht die Großmutter väterlicherseits, Antonia Reiter. Die habe geschrieben, ihr Sohn sei aus Deutschland zurückgekommen und habe gesagt, „in Deutschland gibt es eine Frau mit einem Kind“. Wenn Taubes Mutter nicht für sie aufkommen könne, sei sie bereit, das Kind zu nehmen. Freundlich steht da: „Nun liebes Fräulein, lassen Sie bitte wieder einmal was hören, wie es dem süßen Kleinchen geht. Es grüßt Sie recht herzlich samt dem Kindchen Großmutter Reiter.“

Mit dem Computer, dem Internet und ein bisschen Hilfe ergab sich für die Niederbachemerin die Gelegenheit zur Spurensuche nach ihrem Vater. So geriet sie 2010 an die Bürgermeisterin im Heimatort der Reiters, fand heraus, dass ihr Vater Ludwig Reiter war, der aber schon nicht mehr lebte. Der lernte Taubes Mutter kennen, als er die Mehlemer Führerschule besuchte. Die heutige Villa Camphausen diente laut GA während der Zeit des Nationalsozialismus als Schulungsort der NSDAP. Dort wurden Funktionäre und Nachwuchskader ideologisch geschult und für ihre Aufgaben im NS-Herrschaftsapparat vorbereitet.

Angesprochen auf ihren Vater, merkt man ihr an, dass er auch für sie immer ein Fremder war und bleiben wird. Er soll wohl kein guter Mensch gewesen sein, deutet sie an. Doch kennengelernt hat sie ihn ja nie.

Taube hat guten Kontakt zu ihrer österreichischen Verwandtschaft. Ihren mittlerweile gestorbenen Halbbruder Walter lernte sie noch kennen. Halbschwester Magdalena ist heute 65 Jahre alt und kommt bald wieder mit der Nichte für ein paar Tage zu Besuch an den Rhein. Überhaupt freut sich die Niederbachemerin heute über eine große Familie, sie selbst hat mit ihrem Mann drei Töchter und zwei Söhne großgezogen.

Alles das bleibt, wie auch die Erinnerung. Auch wenn die Straßenbahn schon lange nicht mehr von Mehlem nach Bad Godesberg fährt und es dort auch keinen Wildpark mehr gibt. Egal. Es fährt ja noch ein Bus zum Gehege auf der Waldau. Ein Bällchen Eis gibt es da auch.

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