Bad Godesbergs vergessener Wildpark
Damhirsche und Wildschweine neben den Tennisplätzen: Neue Heimatblätter geben Einblicke
(13. April 2026, General-Anzeiger)
Von Richard Bongartz
Bad Godesberg. Plopp. Plopp. Noch mal Plopp. Regelmäßig hört man die Tennisbälle im Kurpark, Sportler rufen sich Ergebnisse zu, ein Kind läuft mit einem Eis über den Weg. Ein typischer Frühlingstag. Das gab es vor gut 90 Jahren auch schon an dieser Stelle, aber noch mehr. Neben den Plätzen für Aufschlag und Rückhand lebten einmal Damhirsche, Rehe und Wildschweine.
Um diese alten Geschichten auszugraben, braucht es viel Geduld und Muße. Bernd Birkholz ist dafür genau der Richtige. Er hat sich durch frühere Stadtpläne und vergilbte Zeitungsartikel gearbeitet und alles über den Bad Godesberger Wildpark für die brandneuen Heimatblätter aufgeschrieben, die am Dienstag offiziell vorgestellt werden. Für den 63. Band hat Birkholz das Wildgehege akribisch rekonstruiert. Er fand heraus: Im Park befand sich eine kleine, bescheidene, aber von den Godesbergern sehr geliebte Tierschau.
Als Bad Godesberg im Sommer 1935 Stadtrechte erhält – als damals „jüngste deutsche Stadt“ –, gibt die Stadtverwaltung eine reich bebilderte Schrift heraus, in der die „Schönheit des Wohnplatzes“ gepriesen wird. Darin ist auch die Rede von „den alten Privatparks im Kurviertel, die zu einem großen öffentlichen Park mit Wildgehege zusammengefasst wurden“. Ein Wildgehege also.
Ende Juli 1935 klärt die Mittelrheinische Landeszeitung ihre Leserinnen und Leser fast rührend auf: „Nun denke nicht, lieber Leser, unser Städtchen werde einen zoologischen Garten erhalten. Davon sind wir noch weit entfernt. Aber eins wird Godesberg nun in Kürze haben: ein Wildgehege im Garten- und Erholungspark.“
Den Anstoß gibt, wie Birkholz recherchiert hat, Bürgermeister Heinrich Alef (1897–1966), der 1933 ins Amt kam. Alef ist als passionierter Jäger bekannt und hat wohl anlässlich der Verleihung der Stadtrechte Damhirsche und Rehe geschenkt bekommen. Was macht ein passionierter Jäger mit geschenktem Wild? Er baut ein Gehege.
Die genaue Lage lässt sich heute dank eines detaillierten Stadtplans von 1936 aus der Sammlung des Vereins für Heimatpflege und Heimatgeschichte (VHH) ziemlich genau bestimmen: südlicher Teil des neuen Stadtparks, an der damaligen Hindenburgstraße (heute Koblenzer Straße) – im Bereich der heutigen Sportanlage. Die funktionale und bescheidene bauliche Ausstattung: „eine hohe Einfassung aus starkem Maschendraht mit armierten Betonpfählen“, dazu eine schlichte Unterkunftshütte für die Tiere, so die Heimatblätter.
Die Grundausstattung des Geheges bestand zunächst aus je einem Damhirsch und einem Rehbock. Im Dezember 1936 wächst dieses Minimal-Ensemble um einen Wildschwein-Frischling und zwei Dammwild-Spießböcke, einen Monat später gesellte sich noch „ein starkes Wildschwein (Bache)“ dazu. Die Godesberger Karnevalisten greifen das auf: Der Wagen des MGV Cäcilia zeigt die „Erweiterung des Godesberger Tierparks“ – und erntet wohl so einige Lacher.
Der Wildpark entwickelt sich schnell zur Attraktion. Die Einheimischen sind stolz, die Fremden kommen aus nah und fern. Der General-Anzeiger schwärmt: „Es gibt nicht viele Städte im deutschen Vaterland von der Größe unserer Vaterstadt, die einen so schönen und gepflegten Tierpark haben wie Bad Godesberg. Wenn er auch nicht groß und nicht zu vergleichen ist mit einem Zoologischen Garten, so darf man doch kühn behaupten, dass dieser Tierpark zu den Sehenswürdigkeiten der Badestadt gehört.“
Doch wo Menschen und Tiere aufeinandertreffen, gibt es Reibung. Die Tageszeitungen berichten mehrfach von allzu enthusiastischen Besuchern. Im April 1937 mahnt der GA deutlich: „Die Tiere nicht zanken!“ Denn unvernünftige Kinder hänseln und necken sie, jagen sie durch Geschrei in ihrem Gehege hin und her. „Man wird das den unvernünftigen Kindern nicht übel nehmen, wohl aber den Eltern, die dabei stehen und noch darüber lächeln“, heißt es.
Der personelle Aufwand hält sich in engen Grenzen: ein Wärter, der die Tiere füttert und gelegentlich für Ordnung sorgt. Und auch finanziell bewegt sich die Stadt auf bescheidenem Niveau. Im Haushaltsplan für 1937 sind „die Kosten des Tierparks mit 800 RM eingesetzt“ – das ist zu jener Zeit kein üppiges Budget, wären heute rund 5000 Euro.
Der Park hat auch seine komischen Momente. Die Wildschweine etwa stehen zunächst „in einem recht üblen Geruch“ – was, wie die Zeitung trocken anmerkt, von richtigen Säuen nicht anders zu verlangen sei. Erst als „ein dicker Knüppelboden in ihr Abteil gelegt“ wird, der ihnen das Wühlen im Schlamm unmöglich macht, bessert sich die Lage. „Auch die wilde Sau ist zahm geworden“, kommentiert der GA 1937 mit Erleichterung.
Dann ist da noch die Sache mit den Fotografen. Im September 1935 berichtet der General-Anzeiger ausführlich von der „Jagd auf den Hirsch – mit der Kamera … Mit allen Tücken und Nücken der leblosen und lebenden Objekte.“ Nach mehreren Versuchen gelingt schließlich der Schnappschuss: „Von vier Aufnahmen ist eine geglückt.“ Wer heute mit dem Handy draufhält und 20 Fotos in wenigen Sekunden macht, kann sich das kaum noch vorstellen.
Für die Tiere wird es mit der Zeit komfortabler. 1939 erhält das Gehege „einen Trinkbrunnen und ein kleines Schwimmbecken für einige Zwergenten“, außerdem soll noch „ein Gehege für ein Eichhörnchenpaar geschaffen werden“. Es gibt ehrgeizige Pläne für einen kleinen Wildpark.
Drei Wochen nach der letzten Zeitungsmeldung über den Wildpark im August 1939 beginnt der Zweite Weltkrieg. Über den Wildpark schreibt danach niemand mehr. Die Berichte reißen einfach ab, so wie vieles in jener Zeit einfach abbricht. Was aus Damhirsch, Rehbock und Wildschweinen wurde, lässt sich laut Birkholz nicht mehr ermitteln. Wahrscheinlich seien sie an andere Tierparks oder Zoos abgegeben worden.
Wer heute von Bad Godesberg aus Wildtiere aus der Nähe sehen möchte, muss nicht weit fahren. Das städtische Wildgehege an der Waldau auf dem Bonner Venusberg existiert seit 1961. In drei Gattern leben Rotwild, Damwild und Wildschweine, Futterautomaten stehen bereit, und der Zulauf ist – ganz wie einst im Stadtpark Bad Godesberg – besonders groß, wenn Frischlinge und Hirschkälber zu sehen sind. Daneben gibt es in der Rheinaue ein privates Damwildgehege. Im Stadtpark ist eins geblieben: die steten Plopps.

