Der stille Zeuge
Hermann Wilhelm Souchon gilt als der Mann, der 1919 Rosa Luxemburg ermordete. Er hat die Tat aber immer abgestritten
(2./3. August 2025, General-Anzeiger)
Ebba Hagenberg-Miliu
Bad Godesberg. 1959 dürfte dieser Zuzug im Hauptstadt-Bonn gar nicht weiter aufgefallen sein: Da waren in den Adressbüchern des damals noch selbstständigen Godesberg plötzlich in der Deutschherrenstraße 7a ein Hermann Wilhelm Souchon (1894-1982), seine Ehefrau Hedwig (1909-2000) und offenbar ihre zwei Kinder verzeichnet: er als Hauptgeschäftsführer, sie als Krankengymnastin. „Uns liegen keine Informationen über Souchon vor“, antwortet auch heute Bernd Birkholz für den Godesberger Heimatverein auf GA-Anfrage. Er belegt aber, dass die Familie im Laufe der Jahre im Karree in die Behring- und in die Röntgenstraße 4a wechselte.
Wer war dieser Mann, der seine letzten 23 Jahre in Pennenfeld lebte? Im Bonner Stadtarchiv finden sich Zeitungsausschnitte zum künstlerischen Wirken seiner aus estnischem Adel stammenden Frau Hedwig Souchon von Harpe: Ab den 1970er Jahren stellte sie in Galerien, im Frauenmuseum und der Beethovenhalle aus und erhielt 1989 die August-Macke-Medaille. Über den Ehemann hatten Artikel nur ein Thema: Wie er ab 1968 gegen die Behauptung prozessierte, der jahrzehntelang gesuchte Rosa-Luxemburg-Mörder von 1919 gewesen zu sein.
Am 14. und 15. Januar 1969, also 50 Jahre nach der Ermordung der Ikone des Sozialismus und ihres Parteikollegen Karl Liebknecht durch ein Offizierskomplott, sollte nämlich darüber im Süddeutschen Rundfunk ein zweiteiliges TV-Dokumentarspiel des späteren Fernsehdirektors Dieter Ertel gesendet werden. Luxemburg war (wie separat ihr Kollege) 1919 in einem Auto entführt, brutal zugerichtet, von einem Trittbrettfahrer aus nächster Nähe erschossen und später im Berliner Landwehrkanal gefunden worden: „Das erste große politische Verbrechen in der jungen deutschen Republik“, urteilte der „Spiegel“ 1969.
Die TV-Dokumentation sollte nun mit Top-Schauspielern, untermauert von reichem Quellenmaterial, den damaligen Mordprozess, eine Farce, nachstellen. In dem hatten die Militärrichter die Verschwörer mit einem blauen Auge davonkommen lassen. Souchon war sogar nur als Zeuge geladen. Doch gerade diese Randfigur identifizierte der Regisseur schon vor der TV-Ausstrahlung als den bislang unbekannten Täter. Und zwar dank neuster Zeugenaussagen, unter anderem des nachmaligen Verfassungsschutz-Präsidenten Günther Nollau. Leutnant zur See Souchon habe also 1919 der schwerverletzten Luxemburg hinterrücks den Todesschuss verpasst, was auch damals strafbar gewesen wäre. Souchon setzte sich 1920 nach Finnland ab, kehrte 1935 nach Nazi-Deutschland zurück und kämpfte im Zweiten Weltkrieg als Oberst der Luftwaffe.
1968 war es nun also für ihn erstmal mit dem ruhigen Lebensabend vorbei. Als selbst die Bonner Rundschau mit der Schlagzeile aufmachte: „Rosa-Luxemburg-Mörder lebt heute in Godesberg“, ließ Souchon eine Gegendarstellung drucken: Das Ganze sei „eine Verfälschung der geschichtlichen Tatsachen“. Beim Landgericht Stuttgart bekam er eine einstweilige Verfügung durch: Der Film wurde zwar ungekürzt, aber mit dem Zusatz gesendet: Es handle sich „nicht um in allen Punkten gesicherte Tatsachenbehauptungen“.
Danach verklagte Souchon den Sender auf Unterlassung, Widerruf, Schadensersatz sowie Schmerzensgeld und tat Zeugenaussagen ab als: „Das war nichts anderes als Stabsgequatsche“, so der „Spiegel“ 1970. Er habe am Kommando teilgenommen, aber nicht geschossen. Entscheidend war, dass der wichtigste Zeuge nicht erschien. Und dass die Justiz von 1970 offenbar das Verfahren des Gerichts von 1919 in keiner Weise hinterfragte, urteilte 2008 Buchautor Klaus Gietinger („Eine Leiche im Landwehrkanal“).
Doch wie verlief ansonsten Souchons Leben von 1945 bis 1982? Die Familie hatte zuerst im württembergischen Crailsheim gewohnt. Die Südwest Presse enthüllte 2015 und 2019, dass der große, kräftige und unnahbar wirkende Souchon dort für die Landeskirche gearbeitet habe und Mitbegründer des „Christlichen Jugenddorfs“ in Stuttgart gewesen sei. Auf der Suche nach Details stößt der GA auf eine Akte des Staatsarchivs Ludwigsburg. Danach war Souchon von 1945 bis Sommer 1947 Angestellter des evangelischen Kirchenrates, weil „er sich nicht nur von nazistischer Betätigung ferngehalten, sondern auch dieser Ideologie entgegengewirkt“ habe, wie es ein Dokument im Archiv der Württembergischen Landeskirche ergänzt. Im dortigen handschriftlichen Lebenslauf hatte Souchon 1945 nichts von einer NSDAP-Nähe oder auch vom Kommando-Einsatz gegen Luxemburg 1919 aufgeführt.
Da er aber für eine Berlin-Reise in Diensten des Landesbischofs dringend einen Entnazifizierungsnachweis brauchte, wurde 1947 in einem Verfahren plötzlich bekannt, dass Souchon schon ab 1932 NSDAP-Mitglied war, so die Ludwigsburger Akte. Er selbst hatte angegeben, kurzzeitig erst 1935 eingetreten zu sein, was eine straffällige „Meldebogenfälschung“ darstellte. Der Realität entsprachen dann wohl seine Angaben, dass er nach Anfeindungen „wegen nichtarischer Verwandter“ 1936 aus der Partei ausgetreten und Ende 1944 aus der Wehrmacht „wegen politischer Unzuverlässigkeit und Widerstand gegen einen Einsatzbefehl entlassen worden“ sei. Andererseits sagte eine Zeugin aus, dass Souchon sich während des Krieges gebrüstet habe, mit Hermann Göring, der Nummer zwei im Nazi-Regime, „des öfteren auf der Jagd gewesen zu sein“.
Auf Anfrage erklärt Dan Peter, heutiger Kirchenrat der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, gemäß Funden im Archiv sei die Kirche jedenfalls damals mit Souchons Arbeit „nicht zufrieden“ gewesen, Begründung: „wenig Verständnis für kirchliche Anliegen“. Aufgrund der Aktenlage sei man sich heute nicht sicher, „ob man ihn schnell loswerden wollte“ oder ob Souchon seinen Kontakt zum nachmaligen Christlichen Jugenddorfwerks Deutschlands (CJD) „zum Absprung nutzte“. Denn die Ludwigsburger Akte vermerkt auch, dass Souchon 1947 beauftragt war, die Gründung des CJD vorzubereiten und dafür Liegenschaften zu suchen.
Dessen Pressesprecherin Inka Bihler-Schwarz antwortet wiederum heute auf GA-Anfrage: „Herr Souchon war nicht Mitbegründer des CJDs. Das war Hedwig Souchon.“ Hatten die widersprüchlichen Aussagen dem Ehemann also doch geschadet? Wechselte er deshalb nach Godesberg? Für eine neuerliche Beschäftigung bei der Kirche oder dem CJD gibt es nach Anfragen bei der Rheinischen Landeskirche, den Bonner Kirchenkreisen und dem CJD jedenfalls keinen Beleg. Und es war nicht zu ermitteln, für wen Souchon als „Hauptgeschäftsführer“ fungierte. Doch wie verhielt er sich weiter zum Vorwurf der Täterschaft von 1919? Nach seinem Tod wurde der TV-Film 1989 erneut gesendet. Er ist heute im Internet abrufbar. Der Fall sei bei den Souchons kein Thema gewesen, verriet der Südwest Presse 2015 eine Crailsheimer Nichte, „zumindest nicht vor den Kindern“. Und 1969 zitierte der „Spiegel“ den Beschuldigten beim Prozess: „Noch auf dem Sterbebett würde ich wiederholen: Ich habe nicht geschossen.“ Das Grab der Souchons auf dem Burgfriedhof ist inzwischen eingeebnet.