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Verein für Heimatpflege und Heimatgeschichte Bad Godesberg e.V.

Schon vor 100 Jahren ging es ohne Fleisch

Mit dem Vegetarischen Kurhaus in Godesberg hatte Sofie Garschagen großen Erfolg – bis die Weltwirtschaftskrise hereinbrach

(4. April 2024, General-Anzeiger)

VON EBBA HAGENBERG-MILIU

BAD GODESBERG. | Die Frau, der 1926 im General-Anzeiger Bonn mit wohl gesetzten Worten zum 70. Geburtstag gratuliert wurde, war eine sogar international geschätzte Persönlichkeit. Sofie Garschagen (1856-1938) habe „mit einer für eine Frau seltenen Energie“ vor Ort ein „weit über die Grenzen unseres Vaterlandes bekanntes“ Sanatorium aufgebaut, das naturgemäße Lebensweise vermittle, lobte die Tageszeitung die Jubilarin. Tausende Kranke verdankten der erfahrenen Frau „körperliche und seelische Gesundung“. Ein Gratulant berichtete über die Feier, dass die 72 Gäste, darunter Vertreter der Wissenschaft und Kunst, des Handels und der Industrie, besonders das Festessen lobten. „Das Ganze war natürlich vegetarisch und der Wein alkoholfrei, aber alles vortrefflich zubereitet, sodass man wirklich sagen konnte: Es geht auch ohne Fleisch“, merkte der Gast an.

Umzug nach Godesberg nach Ärger mit der Behörde

Schon vor 100 Jahren waren also in Godesberg, vermittelt durch eine Frau mit Charisma, vegetarisches Essen und Naturheilmethoden in Mode: Das habe auch ihn verblüfft, gibt Heimatforscher Martin Ammermüller zu. Er hat das Thema für die demnächst erscheinenden „Heimatblätter“, die dem GA schon vorliegen, recherchiert. Und ist damit auf eine Frau gestoßen, deren Lebensdaten nicht vermuten ließen, dass sie den damaligen Godesberger Kurbetrieb gegen den Strich kämmen würde. Denn diese Witwe aus Elberfeld war schon 54 Jahre alt, als sie 1910 mit ihrer Familie in der Kurstadt am Rhein den Neuanfang versuchte. 16 Kinder hatte sie geboren. Sie hatte auch für die Stiefkinder gesorgt und im Geschäft ihres Mannes ausgeholfen – um sich dann an der Wupper Stück für Stück eine eigene Existenz aufzubauen.

In Heilkunde hatte sie sich Kenntnisse angeeignet und ab 1904 in einer Pension heiße Sitzbäder, Massage, Packungen und eine vegetarische Diät angeboten. Wenngleich sich die energische Frau bald einen festen Kundenstamm erarbeitet hatte, war sie in Elberfeld in einen jahrelangen Konflikt mit der Verwaltung geraten. Denn die gesetzlichen Regeln für ihr Gewerbe sprachen gegen sie. Die Ärzteschaft ärgerte sich über ihre erstaunlichen Erfolge – und triumphierte schließlich. Sofie Garschagen musste 1910 Insolvenz anmelden. Und sie tat gut daran, Elberfeld zu verlassen.

Nun also Godesberg. Die Witwe ging bei Existenzgründung strategisch geschickt vor, hat Heimatforscher Ammermüller ermittelt. Zunächst eröffnete Tochter Luise, eine passionierte Köchin, 1910 an der heutigen Löbestraße (auf der jetzigen Parkanlage zwischen Bahnhof und Koblenzer Straße) eine „Vegetarische Fremdenpension“, die bis 1918 bestehen sollte.

Dann richtete Mutter Sofie direkt gegenüber an der Löbestraße 1, wo heute ein Postgebäude steht, ein Kurbad ein, das „alle Arten Massage, moderne Wasserheilverfahren und Dampfanwendungen, sämtliche medizinische Bäder, elektrische Licht-, Lichtfarbenbäder und Bestrahlungen“ bot. Die Garschagens hatten aus den Schwierigkeiten mit der Elberfelder Bürokratie gelernt. Pension und Kurbad waren zwar räumlich ordentlich getrennt, bedienten aber dasselbe Klientel. Und beide Häuser waren 1912 auf den Namen eines Bonner Arztes eingetragen.

Fahrt nahmen die für Godesberg neuartigen Angebote auf, als die inzwischen vor Ort etablierte „Heilerin“ 1918 nach dem Weltkrieg in der Nähe die schmucke Villa Rosenburg mit ihrem riesigen Parkgrundstück kaufte. Bald hatte sie diese mit ihren erwachsenen Kindern zu einem „Vegetarischen Kurhaus“ mit Behandlungs- sowie Wohn- und Schlafräumen für 37 Pensionsgäste umgebaut, berichtet Ammermüller. Der zweistöckige Hauskomplex, der 1954 abgerissen wurde, lag 100 Meter südlich der Kreuzung Koblenzer/Theodor-Heuss-Straße. Heute steht ein Bürohaus des US-Konzerns FedEx darauf.

Ganzjährig einen „Jungbrunnen am Rhein!“ mit Bädern, Massage, Gymnastik und Diätküche „zu mäßigen Preisen“ versprach die Chefin in Annoncen. Ohnehin war sie längst international bekannt: Eine begeisterte Klientin hatte ein „Vegetarisches Kochbuch mit erprobten Rezepten aus dem Kurhaus Garschagen in Godesberg am Rhein“, also mit gesunder Vollwertkost, herausgegeben. Der Laden brummte im 1926 auch mit einem „Bad“ im Namen bedachten Godesberg. Obwohl Garschagen, wie Ammermüller feststellte, dafür auch in Godesberg nie eine ordentliche Konzession ausgestellt wurde.

Doch dann stagnierten in Folge der Weltwirtschaftskrise die Belegungszahlen. Und die inzwischen auch schon betagte Chefin musste das Kurhaus 1933 einem Kurverein überschreiben, der es 1937 an die Wand fuhr. Letztlich war es ein Glück, dass die 1938 verstorbene Sofie Garschagen nicht mehr miterleben musste, wie 1940 ihre gesamte Kureinrichtung versteigert wurde. Immerhin hatte diese eigenwillige, starke Frau es geschafft, zwei Dutzend Jahre lang eine Stammkundschaft mit alternativen Heilmethoden und einer nicht fleischbasierten Küche nach Bad Godesberg zu ziehen. Und das in Zeiten, als noch kaum ein Hahn danach krähte.

HEIMATGESCHICHTE – Das Godesberger vegetarische Kochbuch

Heimatforscher Martin Ammermüller berichtet über das „Vegetarische Kochbuch – Erprobte Rezepte aus dem Kurhaus Garschagen“ von Hedwig Neumeier aus den 1920er Jahren, dass es vielfältige Anleitungen für den Mittags- und Abendtisch mit Kochvorschriften für Suppen, Gemüse und Mehlspeisen enthält.
„Die Rezepte sind sehr einfallsreich und bieten schmackhafte Abwechslung“, so der Autor. Sofie Garschagen selbst habe darin auch einen Artikel verfasst: und zwar über „Die Ernährung des Kindes von der Geburt bis zur Schule“.
Der Beitrag von Martin Ammermüller wird in der kommenden Ausgabe der „Heimatblätter“ des Godesberger Heimat- und Geschichtsvereins erscheinen. ham

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