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Verein für Heimatpflege und Heimatgeschichte Bad Godesberg e.V.

Noch mehr Weisheiten für die Gasse

Das Projekt mit Spruchtafeln ist nun an 14 Friesdorfer Häusern realisiert. Für Material und Ausführung zahlt jeder, was er kann

(15. Januar 2024, General-Anzeiger)

VON EBBA HAGENBERG-MILIU

FRIESDORF. | Vor dem Friesdorfer Fachwerkhaus an der Annaberger Straße 166 steht eine Menschentraube und blickt hoch zur neuen Spruchtafel über dem alten Torbogen. „Met Doon un Laache let sich vell maache“, steht da bildschön weiß auf schwarz in rheinischem Dialekt. „Mit Tun und Lachen lässt sich viel machen“ übersetzt der Heimatforscher Karl Josef Schwalb gut gelaunt. Der inzwischen 92-jährige ehemalige Rektor der Godesberger Burgschule ist, wie berichtet , der Initiator des Projekts „Weisheit der Gasse“ in den Sträßchen seines Heimatortsteils. Neben ihm steht die Zweite im Bunde der Projektmacher: die Künstlerin Anne Stöcker. Sie bringt mit kalligrafischem Geschick an den Sichtachsen einer steigenden Anzahl von Dorfhäusern nach Wahl der Eigentümer alte heimische Spruchweisheiten auf Holzbalken an.

„Dieser Spruch drückt doch richtig Lebensfreude aus“, sagt Stöcker. Neben ihr nickt die Hausbesitzerin Katharina Sutter. Sie ist eine Zugezogene aus Sachsen. Ihr Mann stammt aus dem Elsass. Und trotzdem ließen sich die beiden für ihr malerisches Fachwerkhaus von Initiator Schwalb sofort für das Projekt begeistern. „Und der positive Spruch hat es uns dann auch gleich angetan“, betont Sutter. „Er passt zu uns.“ Außerdem habe Anne Stöcker auf den von ihr sorgsam präparierten und resistenten Holztafeln sozusagen die Fußabdrücke der Hauseigentümer abgebildet, erzählt Sutter. Sie zeigt nach oben zum Eulen- und zum Storchsymbol auf den Tafeln. „Die Eule gehört zum sächsischen Wappen. Und für die Heimat meines Mannes steht der Storch.“

Ihr Mann, der noch die elsässische Mundart beherrsche, habe den Spruch über ihrem Haustor auch sofort verstanden, sagt Sutter weiter. Sie selbst habe sich wie auch einige Spaziergänger, die seit der Anbringung der Tafeln vor dem Haus stehenblieben und diskutierten, die Bedeutung erst erschlossen. „Wir freuen uns, innerhalb dieses Projekts noch besser Teil Friesdorfs zu werden. Denn das hier ist jetzt unsere Heimat“, betont Sutter. Schwalb steht an diesem bitterkalten Januarmorgen daneben und freut sich. Er investiert seit Jahren viel Energie in sein Herzensprojekt, indem er jeden Aspiranten vor Ort mit seinem Schatz an heimatgeschichtlichem Knowhow berät. Schwalb brennt für seine Idee.

107 mundartliche Sprüche hat er dafür gesammelt. Auch einige mit lateinischen Lebensweisheiten sind dabei. „Früher waren die in aller Munde und dienten der Ermunterung, der Warnung vor falschen Entscheidungen oder Feststellungen, wie es im Leben zugehen kann“, erläutert Schwalb. Heute könnten sie die Menschen vor Ort noch besser zusammenschweißen, ergänzt Stöcker als Organisatorin und in Kalligrafie bewanderte Sprüchemalerin. Mehrfach sei das Prozedere mit der Unteren Denkmalbehörde der Stadt abgestimmt worden. Inzwischen könne Friesdorf schon 18 Spruchtafeln an 14 Häusern aufweisen. „Bei den letzten Häusern mehren sich auch Variationen in der Gestaltung, mit Hintergrundfarben schiefergrau und taubenblau der Tafeln sowie mit einer natürlichen Eule auf der Tafel am Holzbau der Dachdeckerei Körner in der Prinzenstraße 174.“

Das geschwungene Tor am Haus Annaberger Straße 166 sei auf jeden Fall eine große Herausforderung für sie gewesen, berichtet Stöcker über die Anbringung im Bogen. Einen Katzensprung weiter am Haus Annaberger Straße 217 war Stöckers Kreativität ebenso gefragt. „Sie hat das prima gelöst, den von uns gewählten Spruch so passend in die Architektur einzufügen“, schwärmen die Hausbesitzer Karin Wäsch und Volker Steege. „Ne Wääch en de Krömm es selde öm“ liest Wäsch die ihren Nachnamen nur scheinbar enthaltene Zeile vor. Stöcker hat sie auf Holztafeln in drei Schritten rund um die Fensterchen angebracht. „Der Weg, der eine Krümmung mache, sei selten schnell zu Ende“, übersetzt die Hausbesitzerin. „Fast philosophisch, eine Lebensweisheit, die uns bereichert“, ergänzt Steege.

Auch diese beiden sind in Friesdorf zugezogen. Auch sie haben sich von Initiator Schwalb spontan motivieren lassen. „Es ist unser Zeichen der Verbundenheit mit diesem Ortsteil“, sagt Steege. Das Projekt könne gerade in der heutigen Zeit, in der viele Menschen nach Orientierung suchten, Bodenhaftung bieten. „Über die Sprüche wird gesprochen, das sehen wir vor unserem Haus. Und das verbindet die Menschen.“

Tradition und Veränderung zusammenzubringen, das sei übrigens auch ihr eigenes Motto gewesen, als sie das über 100 Jahre alte Fachwerkhaus kauften und mit einem Neubau verbanden. Da passe doch der Spruch auf den Holzbalken prima, meint Wäsch: „Unsere Lebenswege führen selten schnurstracks geradeaus. Oftmals weiß man am Anfang noch gar nicht, wo man ankommen wird.“ Übersetzt in die Politik heiße das doch: „Es gibt nicht den einen einzigen richtigen und dauerhaften Weg für alle und alles. Wir müssen stets prüfen, wo wir stehen und in welcher Richtung es weitergehen kann.“

Das Projekt – Noch 100 Vorschläge zur Auswahl

Wer mit seinem Haus oder Tor am Friesdorfer Projekt „Weisheit der Gasse“ teilnehmen möchte, meldet sich bei Anne Stöcker unter ☎ 02 28/1 80 70 03 oder per E-Mail an as.stoecker@gmx.de. Es stehen über 100 Spruchvorschläge zur Auswahl. Heimatforscher Karl Josef Schwalb berät vor Ort, Stöcker führt die Auftragsarbeit aus. Für das Material und einen Teil der Ausführung zahle jeder, was er geben könne, sagen beide. Bislang wird das Projekt von einem Sponsor mitfinanziert. ham

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