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Verein für Heimatpflege und Heimatgeschichte Bad Godesberg e.V.

Einer von Rilkes wichtigsten Gönnern

GESCHICHTEN AM GRAB Der einst einflussreiche Bankier Karl von der Heydt ist für Godesberg vor allem als Mäzen für Kunst und Literatur wichtig

(28. Juli 2023, General-Anzeiger)

VON EBBA HAGENBERG-MILIU

BAD GODESBERG. | Auf einem der mächtigen, von Efeu bewachsenen Familiengräber des Burgfriedhofs sitzen zwitschernde Vögel. Unterhalb des Hangs zur Godesburg ist hier unter dem Stechpalmenwappen seiner Bankiersfamilie Karl von der Heydt (1858–1922) begraben: ein für den Stadtteil bis heute wichtiger Kunstmäzen. Dazu war er der Mann, der 1906 sogar den berühmten Dichter Rainer Maria Rilke nach Godesberg holte und auch danach noch dessen Werke mitfinanzierte.

Neben von der Heydt haben seine Frau Elisabeth und die jüngste Tochter Gerda ihre letzte Ruhe gefunden. Die runde Steinbank am Grabstein ist mit Löwenköpfen flankiert, auch sie Elemente des Wappens der über Generationen stolzen Elberfelder Banker.

Von ihnen haben hier in Godesberg nicht nur diese drei ihren Lebensabend verbracht: Unter anderem auch Karls gestreng frommer Großvater Carl (1806–1881) residierte hier sommers im Haus an der Redoute und erzog den vaterlosen Enkel.

Seine Leidenschaft für die Kunst ist heute noch sichtbar

Martin Ammermüller, der ehemalige Vorsitzende des Godesberger Heimatvereins, wertet diesen Enkel aus heutiger Sicht vor allem als bedeutenden Auftraggeber für lokale Kunst. Letztlich entstammen nämlich vier im Herzen des Stadtteils platzierte Skulpturen der künstlerischen Leidenschaft und dem Portemonnaie Karl von der Heydts.

Da ist einmal das Probussäulen-Ensemble von Wilhelm Neumann-Torborg aus dem Jahr 1900, das der Heimatverein im Stadtpark am Rosenrondell platziert hat und das die gleiche, mit Löwenköpfen geschmückte Rundbank besitzt wie das Grab auf dem Burgfriedh of. Dazu zählt Ammermüller die Brunnenskulptur „Faun und Nymphe“ desselben Bildhauers auf, die heute am Haus an der Redoute steht, sowie die Marmorskulptur der antiken Göttin „Flora“ von Gustav Eberlein.

Sie steht heute im selben Haus, in dem der kleine Karl leider keine glückliche Kindheit verbrachte, so Ammermüller. Und nicht zuletzt gehört auch die nackte „Nymphe“ von Georg Kolbe im Vorgarten der Redoute zu den von der Heydt‘schen Hinterlassenschaften.

Denn der Mann, der eigentlich im fernen Berlin als knallharter Banker seinen aufwendigen Lebensstil finanzierte und der sich bald zum, wie Ammermüller recherchiert hat, extrem deutsch-nationalen politischen Akteur und schwierigen Charakter entwickelte, empfand sich selbst eigentlich als Musensohn.

Schon nach dem Abitur hatte er sich in Poesie versucht und sich an der Bonner Universität im Fach Philosophie eingeschrieben. Doch Großvater Carl hatte den Widerstrebenden schließlich überzeugt, als Teilhaber in die Familienbank einzusteigen. In der Freizeit jedoch gestattete sich der Enkel, in dessen Berliner Villa alsbald die Größen der Geschäftswelt ein- und ausgingen, zumindest im klimatisch milderen Godesberg seinen künstlerischen Neigungen zu frönen.

1890 hatte er hier das über 14 Hektar große Gelände „Auf dem Wacholder“, also unter anderem den heutigen Berg des Aloisiuskollegs, gekauft und auf dessen Höhe 1893 eine schlossähnliche Villa gebaut. Von den nachmaligen Besitzern, den Jesuiten, wurde sie nach von der Heydts Tod Stella Rheni benannt. Einen Teil des Grundstücks hatte von der Heydt der Stadt zur weiteren Erschließung der Höhenlagen Muffendorfs vermacht. Und 1900 hatte er an der nach seiner Frau benannten Elisabethstraße für den Bismarckturm noch ein weiteres Grundstücksteil abgegeben.

In seinem riesigen Garten wiederum hatte von der Heydt die von ihm in Auftrag gegebenen Skulpturen aufstellen lassen. Und in den mit Kristalllüstern und zeitgenössischen Gemälden geschmückten Sälen schrieb der Hausherr Gedichte, Prosa und Theaterstücke – die aber zu seinem großen Verdruss von den Feuilletons verrissen wurden.

Einer jedoch machte dem schwerreichen, aber dilettantischen Schreiber Mut, weiter zu publizieren: der Schriftsteller Rainer Maria Rilke. Der Bankier hatte sich dessen Aufmerksamkeit Anfang 1906 erworben: Da hatte von der Heydt als Buchkritiker in den Preußischen Jahrbüchern Rilkes gerades erschienenes „Stundenbuch“ als einen der „Gipfel deutscher Lyrik“ gefeiert – eine höchst willkommene Würdigung für einen mittellosen Künstler wie Rilke.

Der wollte sich gerade von seinem ungeliebten Sekretärsjob beim Bildhauer Auguste Rodin in Paris loseisen und dankte von der Heydt poetisch. „Unsäglich Schweres wird von mir verlangt. / Aber die Mächte, die mich so verpflichten, / sind auch bereit, mich langsam aufzurichten, /so oft mein Herz, /behängt mit den Gewichten / der Demut, hoch in ihren Händen hangt“, reimte Rilke im Januar 1906 mit Widmung für den Bankier.

Rilke war notorisch klamm. Obwohl er in diesen Jahren klassische Gedichte wie „Der Panther“, „Das Karussell“ und „Blaue Hortensie“ verfasste, hielten ihn nur karge Honorare über Wasser. Im Sommer 1906 stand er jedenfalls mitsamt seiner Frau, der Bildhauerin Clara, Töchterchen Ruth und einem Kindermädchen vor der nachmaligen Stella Rheni, um auf Einladung des Hausherrn produktive Wochen über den Dächern von Godesberg zu verbringen.

Clara Rilke sollte die Töchter des Hauses für Marmorstatuen skizzieren – wobei ihr avantgardistischer Stil schließlich kaum den Geschmack des Hausherrn traf. Gefreut haben dürfte sich von der Heydt aber, dass Rilke selbst das herrschaftliche Wohnen, das Ambiente mit den vorgelagerten Terrassen und dem Siebengebirgsblick, die Promenade durch den 25 Meter hohen Kuppelsaal mit Mosaikfliesen, Marmorsäulen und Stuckdecken sichtlich genoss.

In Briefkontakt bis zum Tod

Aber mit seiner politisch erzkonservativen Gesinnung dürfte der Banker mit dem eher revolutionär gestimmten Gast nicht nur einmal aneinandergeraten sein, wie es die veröffentlichten Briefe Rilkes an von der Heydt spiegeln. Auf Godesbergs Wacholderhöhe würde Rilke nach der Abreise Ende August 1906 jedenfalls nie zurückkehren.

Doch von der Heydt wird Rilkes Mäzen bleiben, wird bis zu seinem Tod 1922 mit dem Dichter, der von Gönner zu Gönner eilte, im Briefkontakt stehen. Auch mit Hilfe der Gelder Karl von der Heydts aus Godesberg, nach dem die Stadt später eine Straße benannte, wird Rilke jedenfalls erst einmal weiter publizieren können: etwa seine zwei Bände der „Neuen Gedichte“, sein „Requiem“ und „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“.

DIE SERIE – Geschichten am Grab

Zu Lebzeiten waren sie hochgeschätzt, ja verehrt, manche auch gefürchtet. Auf jeden Fall waren sie prominent. Sie lebten zuletzt in Bad Godesberg und wurden hier bestattet. Doch wer kennt diese Personen heute noch? Wer erinnert sich an ihr Leben? Und vor allem: Wie wird ihr Wirken heute gesehen? Wir laden ein zum Spaziergang auf lokalen Friedhöfen. Und zu Gräbern einer Reihe von Godesberger Promis. Bislang erinnerten wir an die Politiker Herbert Wehner, Kai-Uwe von Hassel, Rainer Barzel, Erich Mende und Otto Lenz, an den „Vater der Bundeswehr“ Ulrich de Maizière, die Pfarrer Julius Axenfeld, Friedrich Bleek und Klaus Lohmann, Schauspieler Paul Kemp, die Bürgermeister Heinrich Hopmann und Josef Zander, Godesbergs Idol Aennchen Schumacher sowie an SS-Obergruppenführer Wilhelm Koppe. ham

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