Wappen von Bad Godesberg
VHH
Verein für Heimatpflege und Heimatgeschichte Bad Godesberg e.V.

Seife für die Hausfrau

Bis 1970 gab es im Bad Godesberger Norden eine Seifenfabrik. Steckenpferd waren Reinigungs- sowie Pflegeprodukte

(29. Dezember, General-Anzeiger Bonn)

Von Silke Elbern

BAD GODESBERG. | Früher, da war ja wirklich nicht alles schlechter. Zum Beispiel beim Geschirrspülen flugs zum „Blitzi-Blitzi“ gegriffen und schon war nicht nur alles sauber, sondern „Mutti“ hatte auch mehr Zeit für „Vati“ und die lieben Kinderlein. So versprach es jedenfalls eine Werbebroschüre der Seifenfabrik Goebel aus den 1960er Jahren. Die Fabrik saß ab 1915 zunächst an der Elsässer Straße/Friesdorfer Straße und verkleinerte sich um 1928 mit einem Gebäude an der Ecke Friesdorfer Straße/Weststraße.

In der Godesberger Facebook-Gruppe „I Love Bad Godesberg“ hatte Norbert Wolff den Briefkopf einer Rechnung von 1917 gepostet. Darauf zu sehen eine durchaus imposante Fabrik. Zudem der Verweis auf „Zweighäuser“ in Basel und Wien und das Wappen des Hoflieferanten. Anlass genug für den GA, einmal ins Stadtarchiv im Bonner Stadthaus abzutauchen und sich auf Spurensuche zu begeben. Denn wer an den beiden bekannten Standorten im Godesberger Norden vorbeischaut, erkennt schnell: Alles weg. An der Elsässer Straße befinden sich heute Discounter, an der Weststraße Wohnhäuser.

Ganz anders der Zustand kurz nach Beginn des 20. Jahrhunderts. Wie Heimatforscher Horst Heidermann in seinem Werk „Die Entwicklung der Industrie in dem Badeort Godesberg“ festhielt, gab es noch diverse freie Grundstücke in Bahnnähe. Die damals eigenständige Stadt scheint einen guten Ruf gehabt zu haben für Neugründungen, denn es kamen viele Unternehmer von außen. Darunter aus Hagen Paul Alfred Goebel, der mit Frau Thusnelda und zwei Töchtern 1914 in die Kurstadt übersiedelte. „Die meisten hatten bereits unternehmerische Erfahrung gesammelt und sahen in Godesberg ihre besonderen Chancen“, schrieb Heidermann, der 2018 starb.

Die Familie bezog in der Hohenzollernstraße Quartier und der Vater meldete zunächst eine Holz- und Eisenwarenhandlung an. 2015 folgte der Antrag für die Seifenfabrik in der Elsässer Straße. Er wollte sich auf Kernseife und Seifenpulver konzentrieren, so Heidermann in seinem Buch, das der Verein für Heimatpflege und Heimatgeschichte 2014 herausgegeben hat. Den Titel Hoflieferant, so die Mutmaßung, muss er sich wohl in der K.u.K-Monarchie erworben haben; dazu lässt sich leider genauso wenig finden wie zu den Dependancen in Österreich und der Schweiz.

Schon bald mussten Erweiterungsbauten her, zunächst für die Schraubenfabrik, mutmaßlich, um Kriegsaufträge erfüllen zu können. Denn Seife selbst war im Ersten Weltkrieg rationiert, sie verbrauchte Fette und Öle, die auch der Ernährung dienen konnten.

Kurz nach Goebels frühem Tod 1928 kaufte die Firma Diedenhofen die Fabrik. Bekannt ist ihre Produktlinie Rheila (Rheinische Lakritz) immer noch, Aufkäufer Dolorgiet produzierte erst in Godesberg, dann in St. Augustin. Witwe und Töchter starteten auf der anderen Straßenecke mit der Firma „Goebel Chemie“ durch – sie vertrieben in großen Mengen Körperpflegemittel und Parfums. Als nach dem ebenfalls frühen Ableben der Mutter Thusnelda und Erika das Ruder übernahmen, gab es in den 1930er Jahren eine Erweiterung der Produktpalette.

Reinigungs- und Waschmittel eroberten langsam den deutschen Markt. Und anscheinend das Herz der Hausfrauen. Davon zeugen Werbebroschüren der 1960er, die das Stadtarchiv lagert. Ob „Mandelseifenflocken“ oder „Frauenstolz“ – all das schuf der Chemiker der Firma nur, „um Sorgen und Nöte der Hausfrauen“ in ihrem Bemühen um weiße Wäsche zu lindern. Für die berufstätige Frau hingegen gab es „Godesina neu“, das „ideale Schnellwaschmittel“, das 2,5-Pfund-Taschentuch-Säckchen für 3,90 Mark. In der formschönen roten Flasche kam das „Gogosan – Haar und Frisierwasser“ daher, in der Riesenpackung 18 erlesene Toiletteseifen für 6,84 Mark, einzeln verpackt, und mit klangvollen Namen wie Indian Flowers oder Flora Amalfi. Nebenprodukte fanden ebenfalls ihren Einzug in die Kataloge, wie die „Bad Godesberger Taschenapotheke im praktischen Plastic-Etui“.

Thusnelda, schon seit 1940 Allein-Inhaberin, setzte unterstützt von Prokuristen auf einen Versandhandel – mit portofreier Bestellung auf Probe. Sie blieb nach der Heirat mit Walter Stolle 1954 berufstätig. Die Geschäfte müssen „wie geschmiert“ gelaufen sein. Denn im Frühjahr, Sommer, Herbst und Winter winkten den Bestellern (hier wohl eher -innen) Preisausschreiben. Auf die bis zu 29 995 Trostpreise dürften die Teilnehmer es nicht unbedingt abgesehen haben; wohl eher auf die fünf Hauptpreise, die „Kundenberaterin Frau Gisela“ beim Suchspiel in Aussicht stellte. Der Hauptgewinn bestand 1960 immerhin aus einem Volkswagen oder 3950 Euro in bar. 1966 hatte man die Wahl zwischen einer Amerika-Reise oder 4200 Mark.

Im besten Rentenalter verkaufte Thusnelda Stolle ihr Unternehmen 1970. Laut Heidermann wurde es 1994 mit Sitz in Selfkant-Tüddern (Kreis Heinsberg) im Handelsregister gelöscht. Die letzten, maroden Fabrikhallen und Büroräume der Goebels auf dem Eckgrundstück Elsässer und Friesdorfer Straße machten 1982 Platz für einen Erweiterungsbau der ARG Auto-Rheinland-GmbH (jetzt Godesberger Straße).

Offenbleiben muss die Frage, warum eigentlich den Fritan-Dragees nach Obermedizinalrat Dr. Hopstein kein dauerhafter Erfolg vergönnt war. Sie sollte bei Einnahme der Pillen nicht nur mehr Freude am Leben haben, sondern auch der Gatte „wieder die gut aussehende, schlanke Frau, die er geheiratet hat“. Mit 3,80 Mark zwar etwas teurer als die Riesenflasche Blitzi-Blitzi, aber bestimmt die bessere Investition.

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