VHH Bad Godesberg
VHH
Verein für Heimatpflege und Heimatgeschichte Bad Godesberg e.V.

Eine Ansichtskarte und ihre Geschichte

Bernd Birkholz hat eine Fotografie ersteigert,
die Weltkriegssoldaten im Garten der Villa Böninger zeigt

(25. Juli 2019 General-Anzeiger Bonn)

VON SILKE ELBERN

BAD GODESBERG. Für sein Hobby ist Bernd Birkholz häufiger im Internet unterwegs. Auf der Suche nach alten Ansichtskarten aus der Region schaute er neulich beim Online-Marktplatz Ebay vorbei. Als seine Augen auf der Rückseite einer Schwarz-Weiß-Aufnahme den Fotografennamen „D. F. Voigt“ erblickten, war er hocherfreut. „Da ich mit dessen Enkel Günther Gratzfeld im Godesberger Heimatverein aktiv bin, war mir der Name geläufig“, erzählt Birkholz.

Das Motiv auf der Karte sagte dem gebürtigen-Lannesdorfer zunächst nichts: eine herrschaftliche Villa samt Soldatengruppe plus Hausangestellten im Garten. Er versuchte sein Glück und ergatterte die Karte. „Für vier Euro inklusive Porto“, was ihn auch zwei Monate später noch freut. Der zweite Vorsitzende des Vereins für Heimatpflege und Heimatgeschichte fragte viele Leute nach Rat, auch der Enkel des Fotografen konnte nicht weiterhelfen.

Während Birkholz das Haus wegen der dargestellten Hanglage am Godesberger Rheinufer oder in Schweinheim vermutete, kam der entscheidende Tipp von einem Freund. „Günther Pelz sagte mir, es erinnere ihn an ein Foto, das er im GA gesehen habe.“ Ein kurzer Vergleich und es stand fest, dass es sich um die nicht mehr existierende Villa Böninger in Muffendorf handelte. Letztere und ein wiederentdecktes Lazarus-Bild des Künstlers Robert Böninger (1869-1935) waren im Sommer 2017 Gegenstand von Berichten im General-Anzeiger.

Vor zwei Jahren waren viele Fragen geklärt worden; so, dass die Nationalsozialisten die Villa als Gas- und Luftschutzschule nutzten, laut Studien von Birkholz interessanterweise für SA-Leute der Gruppe Niederrhein. Und dass das Haus an der heutigen Deutschherrenstraße dem Bau des Landesvermessungsamtes hatte weichen müssen. Postkartensammler Birkholz fand nun über seinen Freund heraus, dass der Landschaftsverband vor der Grundsteinlegung im Juni 1959, an seine Mitarbeiter Elemente des abzureißenden Hauses verschenkt hatte. „Die Treppenstufen aus Marmor waren wohl heiß begehrt, Fenster wurden weiterverwendet und die Dachbalken nutzten die Nachbarn als Heizstoff“, führt der 66-Jährige aus.

Auf der Suche nach der Geschichte hinter dem Foto, das vermutlich zwischen 1914 und 1918 entstand, stieß der Sammler auf das Thema Reservelazarette. „Davon gab es im Ersten Weltkrieg wohl mehrere in Bonn und dafür wurden auch schon einmal Häuser beschlagnahmt.“ Auf die Gegenfrage, warum die Soldaten äußerlich eher unversehrt aussehen, hat der heutige Duisdorfer direkt eine Antwort: „Es könnte eine Art Sanatorium für lungenkranke Soldaten gewesen sein, da der Erbauer das Grundstück auch wegen der guten Luft dort gekauft hatte.“ Zudem stünden ja auf dem Foto mehrere Fenster auf. In einer Familienchronik der Böningers ist zu lesen, dass der älteste Sohn Oswald in Muffendorf weniger als anderswo unter seinem Asthma gelitten habe. Vielleicht, so mutmaßt der Käufer der Karte weiter, habe es in der Nähe einen Lungenfacharzt gegeben, weshalb man die Kranken an diesem Ort „gesammelt“ habe. Eine weitere Option ist für den Geschichtsinteressierten, dass sich in dem stattlichen Haus nebst Park mit altem Baumbestand traumatisierte Soldaten erholen sollten.

Ein Indiz, weshalb Daniel Friedrich Voigt, wie der Godesberger mit vollem Namen hieß, das Foto überhaupt anfertigte, könnten die zwei Frauen in der ersten Reihe liefern. „Die lokale Prominenz übernahm häufig Schirmherrschaften über die Lazarette und besuchte diese natürlich auch“, so Birkholz. Das Bonner Presseamt kündigte auf Nachfrage an, dass Stadtarchivar Norbert Schlossmacher und sein Team nun ebenfalls zur Ansichtskarte forschen wollen.

Wer noch Hinweise zur Aufnahme im Garten der Villa Böninger hat, kann eine Mail schreiben an godesberg@ga-bonn.de

Der Fotograf
in den Godesberger Heimatblättern von 2003 gibt es einen Aufsatz über den Fotografen Daniel Friedrich Voigt. Verfasst hat ihn sein Enkel Günther Gratzfeld. „Fritz“, wie ihn alle genannt hätten, wurde 1867 in der Villichgasse als Sohn eines Schuhmachermeisters geboren. Er erlernte zwar denselben Beruf, sah seine Zukunft aber eher in der Fotografie.

im elterlichen Haus richtete er ein Fotoatelier ein und verkaufte dort Bilder von Godesberger Landschaften und Sehenswürdigkeiten – inklusive selbst produzierter Postkarten. Eine 1905 vom örtlichen Verkehrsverein veröffentlichte Werbebroschüre enthält ausschließlich Fotos von Voigt. Im Ersten Weltkrieg stieg die älteste Tochter des fünffachen Vaters mit ins Geschäft ein; er meldete sich freiwillig zu den Sanitätern in Godesberg. 1934 wurde er auf dem Burgfriedhof beerdigt. Das Stadtarchiv Bonn besitzt noch einiges aus seinem Nachlass.

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