100 Jahre „Bad“: Godesberg feiert mit 20er-Jahre-Flair und Charleston
100 Jahre Kur-Kultur
(7. September 2026, General-Anzeiger)
Bad Godesberg · Mit Musik, historischen Spielen, Oldtimern und einer Charleston-Show feierte Bad Godesberg den 100. Jahrestag seiner Ernennung zum „Bad“. Auch an der Draitschquelle und bei Stadtführungen wurde die Kurgeschichte lebendig.
Von Thomas Kölsch
Mit diesem Andrang hatte der Verein Kunst & Kultur Bad Godesberg (KuKuG) nicht gerechnet: Noch nicht einmal eine Stunde nach Beginn der Feierlichkeiten zum 100. Geburtstag des „Bad“-Titels, waren die Kuchenvorräte am Samstag bereits restlos aufgebraucht. Kein Wunder angesichts des traumhaften Wetters und des Programms rund um die Konzertmuschel. Während das Salon Ensemble Beda Musik im Stil der 20er Jahre spielte, nutzten zahlreiche Godesberger die Gelegenheit für einen Kaffeeplausch – mit den genannten Folgen. Doch schon gegen 15 Uhr konnte KuKuG-Vorstandsmitglied Sabine Köhne-Kayser für alle Kuchenliebhaber Entwarnung geben: „Wir haben kurzerhand Café Nick leer gekauft.“
Vor 100 Jahren ist Godesberg offiziell zum Bad erhoben worden, seine Geschichte als Kurort geht aber deutlich weiter zurück; angeblich sollen schon römische Legaten Ende des 2. Jahrhunderts auf die Heilkräfte der Draitschquelle geschworen haben. Kein Wunder also, das nicht nur im Kurpark, sondern auch an der Draitschquelle gefeiert wurde – im Heilwasser erhitzte Würstchen inklusive.
Das Veranstalter-Team um Bettina Kalz, deren Vater Helmut Friehl die heutige Brunnenhalle 1978 erbaut hatte, freute sich über den massiven Andrang – vor allem auf die Jubiläumsflasche, die die Familie gemeinsam mit dem Verein für Heimatpflege und Heimatgeschichte (VHH) entworfen hat. Übrigens: Pro verkaufter Flasche wird ein Teil des Kaufbetrags an das CJG Hermann-Josef-Haus gespendet.
Mit dabei war auch der zweite historisch wichtige „Bad“-Ort: der Trinkpavillon an der Stadthalle. Als Mitorganisator hatte der Verein Bürger.Bad.Godesberg ein buntes Quellen-Programm aufgelegt, darunter ein Wasser-Tasting und ein Carillonkonzert, außerdem gab es Infos zur Historie des Kurbetriebs.
Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich Godesberg dank eines geschickten Marketings und einem ebenso vielfältigen wie hochkarätigen Kulturprogramm zu einem der renommiertesten Kurorte Deutschlands, das viele Industrielle dazu brachte, dort ihre Sommerresidenzen errichten zu lassen. Damals sprudelte eben nicht nur das Wasser, sondern auch das Geld in Strömen.
Dieses besondere Flair versuchten die ehrenamtlichen Organisatoren zumindest ansatzweise wiederzuerwecken und wagten eine Zeitreise in das Jahr 1926, die mit der Segnung des Draitschbrunnens und einem „Wassertasting“ begann. Die Veranstaltung hatte durchaus ihren Charme, vor allem dank vieler liebevoller Details. So tummelten sich einige Herren und Damen in historischen Kostümen im Kurpark, während Kinder an einem Spiel- und Sport-Programm teilnehmen konnten, wie es auch in den Roaring Twenties vor dem Zweiten Weltkrieg hätte stattfinden können. Tauziehen, Sackhüpfen, Gummitwist und Dosenlaufen waren zu jener Zeit durchaus populär und haben offenbar ihren Reiz bis heute nicht verloren – dazu kamen ein paar Kinder-Tanzkurse im Kleinen Theater.
Oldtimer und Imperia-Motorräder
An einer Ecke des Weihers fuhr derweil das ein oder andere Modellboot über die Wasseroberfläche, an einer Seitenwand der Stadthalle spielte ein Vierergrüppchen Bridge und an der Konzertmuschel waren neben drei Oldtimern auch ein paar Imperia-Motorräder zu sehen. „Ich finde es großartig, was KuKuG hier auf die Beine gestellt hat“, betonte Besucher John, der an einem der Tische vor der Konzertmuschel saß. „Ich würde mir nur wünschen, dass Godesberg auch ansonsten mehr in dieser Richtung macht und es nicht nur den ehrenamtlichen Vereinen überlässt, dieses Potenzial auszuschöpfen. Ich glaube, dass man aus diesem historischen Erbe viel machen könnte. Das Publikum ist ja offensichtlich da.“ Das Interesse an zwei gut besuchten Stadtführungen, die ihren Ausgangspunkt beim Draitschbrunnen hatten, unterstrich dies.
Mit den Imperia-Motorrädern hat es übrigens eine besondere Bewandtnis: Ab 1927 wurden die Maschinen tatsächlich in Bad Godesberg hergestellt, wie der Kabarettist Jürgen Becker bei einem launigen Kurzauftritt erklärte. Zwei Brüder, die ursprünglich landwirtschaftliche Maschinen produzierten, hatten die Produktion aus Köln übernommen und ließen wöchentlich rund 50 Motorräder vom Band laufen.
Doch schon Mitte der 30er-Jahre musste die Firma Konkurs anmelden, da sie aus politischen Gründen nicht länger auf britische Motoren zurückgreifen durfte und mit eigenen Konstruktionen scheiterte. „Dabei müssten wir doch eigentlich wissen, dass wir im Rheinland unsere Kraft immer wieder gerade aus dem Fremden gezogen haben“, so Becker und verwies auf die Einflüsse von Römern, Franzosen und anderen Nationen, die Bad Godesberg geprägt hätten. „Auf diese Weise entstand die Kur-Kultur.“ Und die gelte es zu bewahren.
Bis in die Abendstunden hielt das Programm an. Wer nicht ganz so gut zu Fuß war, konnte dabei übrigens auf den Verein „Radeln ohne Alter“ zurückgreifen, der Gäste auf Wunsch mit Rikschas bis direkt vor die Konzertmuschel fuhr. Dort wurde zunehmend getanzt, mit einer Charleston-Show (samt Mitmach-Teil), einem Lindy-Hop-Schnupperkurs und einem fetzigen Konzert der Swing Aces. Dazwischen wurde vergessenes Urlaubs- und Reisegepäck aus längst vergangenen Zeiten versteigert, das die Familie Schugt gesammelt hatte. Den Abschluss dieser Jubiläumsveranstaltung gestaltete schließlich der Zauberer Felix Bergmann – der war vorher auch schon am Draitschbrunnen aufgetreten – mit einer Feuershow.
Gesellschaftliches Leben – Ausstellung im Haus an der Redoute
Der Verein für Heimatpflege und Heimatgeschichte Bad Godesberg präsentiert vom 16. September bis zum 25. Oktober im Haus an der Redoute eine Ausstellung über das gesellschaftliche Leben, die Entwicklung des Kur- und Touristenorts und die große Zeit der Diplomatie. Ergänzt wird die Ausstellung durch diverse Vorträge. Weitere Informationen gibt es unter www.vhh-badgodesberg.de.

