Glanz und Schatten im Schauspielhaus
Bei einer Führung für den Heimatverein gewährt Schauspieldirektor Jens Groß Einblicke in ein Haus mit einzigartiger Bühne – und massivem Sanierungsstau
(5. Juni 2026, General-Anzeiger)
Von Ayla Jacob
Bad Godesberg. Für viele Bad Godesberger ist das Schauspielhaus weit mehr als eine Spielstätte. Es ist ein identitätsstiftendes Wahrzeichen des Stadtbezirks, der zu Zeiten des Baus „seines“ Theaters noch eine eigenständige Stadt war. In Zeiten hitziger Debatten um Sanierungskosten und Standortfragen wollte der Bad Godesberger Heimatverein genau wissen, was sich hinter der denkmalgeschützten Fassade verbirgt. Bei einer Führung gab Schauspieldirektor Jens Groß Einblicke in ein Haus, das zwischen technischer Moderne und massivem Sanierungsstau schwankt.
Schon von außen wird klar: Wer vor dem Schauspielhaus steht, blickt auf ein Stück Zeitgeschichte – unter anderem die einer Stadt Bad Godesberg, einer wohlhabenden Stadt, die den ersten Theaterneubau der Bundesrepublik nach dem Krieg aus eigenen Mitteln finanzierte. Und die das Gebäude in einer Rekordzeit von acht Monaten errichtete. „Man kann sich heute kaum mehr vorstellen, dass ein so komplexer Bau in einer so kurzen Zeit fertiggestellt wurde“, sagte Groß. Eröffnet wurde das Haus übrigens im März 1952 mit Mozarts „Zauberflöte“.
Konzipiert war es eigentlich nicht für ein festes Ensemble, sondern als reines Tourneetheater und Kino, berichtete Groß. Erst in den 1980er Jahren, als das Haus den städtischen Bühnen zugeordnet wurde, „wurde das Haus zu einer Vollbühne ausgebaut und es zog ein dauerhaftes Ensemble ein“. Das führt laut Groß noch heute zu logistischen Problemen, da Seitenbühnen und Lagerräume – elementar wichtig für ein Ensembletheater im Repertoirebetrieb – im Entwurf schlicht nicht vorgesehen waren.
Architektonisch ist das Gebäude eine seltene Symbiose. Der Entwurf des Düsseldorfer Architekten Ernst Huhn kombiniert, so berichtete der Theaterchef, die strengen, quaderförmigen Formen des Bauhauses mit verspielten Rundungen der 50er-Jahre. Eine Besonderheit: der Bühnenturm, der die restliche Bebauung eigentlich überragt. Weil diese aber verschachtelt angelegt wurde, „fällt er von außen kaum auf“. Seit 2016 stehen die Fassade und die Kassenhalle unter Denkmalschutz, der Rest des Gebäudes „kann so umgestaltet werden wie gewünscht“, stellte Groß fest.
Beim Betreten des Zuschauersaals wird klar, warum das Haus bei Künstlern und Publikum beliebt ist. „Für mich ist es einer der schönsten Theaterräume im deutschsprachigen Raum“, sagte Groß, der schon an diversen Theatern tätig war. Das Geheimnis? Die extreme Steigung. „Hier hat man von jedem Platz aus eine gute Sicht“, so Groß. Das könne man von kaum einem anderen Haus sagen, auch nicht von der Bonner Oper. Hinzu komme die „sehr gute Akustik“ sowie eine mit 13 Metern Portalbreite und 17 Metern Tiefe fast überdimensionale Bühne. In den 1960er- und 80er-Jahren wurde das Haus technisch massiv aufgerüstet, indem eine Ober- und Untermaschinerie mit verstellbaren Podien eingebaut wurde.
Auf der Bühne, die über eine Ober- und Untermaschinerie verfügt, erläuterte Moritz Stanke die technischen Abläufe. Er ist einer von drei Bühnenmeistern, die ein insgesamt 20-köpfiges Techniker-Team koordinieren. Gearbeitet wird in zwei Schichten, ansonsten, so erläuterte Stanke, „ist der Repertoirebetrieb nicht zu bewältigen“.
Die Technik im Godesberger Schauspielhaus ist eine Mischung aus Tradition und Moderne. Während elektrische Züge programmierbar sind, verlassen sich die Techniker bei schweren Lasten oft auf die Mechanik von Handzügen. Eine Besonderheit – „die verrückte alte Theatertechnik“, wie Stanke sagt – sind die alten Handkonterzüge, mit denen Kulissen manuell bewegt werden. „Diese Seile und Gegengewichte funktionieren immer. Sobald jemand die Bremse aufmacht, gehen sie.“ Und das ohne Probleme seit Jahrzehnten.
Hinter der Bühne wurden jedoch auch die Schwachstellen deutlich. Das größte Problem ist der Platzmangel. Jeder Zentimeter wird genutzt. Zwar ist Platz für einige größere Requisiten wie Stühle oder Sofas und auch manche Kulissenteile werden hinter und neben der Bühne – unsichtbar für das Publikum – gestapelt. Doch fehlende Lagerflächen und quasi kaum vorhandene Seitenbühnen, in denen kaum Stauraum ist, sorgen für einen enormen Arbeitsaufwand.
„Viele Bühnenbilder müssen täglich in Containern zwischen den Werkstätten in Beuel und Godesberg hin- und hergefahren werden“, so Groß. Heißt auch: Teilweise müssen diese „zweimal am Tag auf- und abgebaut werden“. Dies verursacht hohe Personalkosten und logistischen Aufwand. Auch im Bereich der Barrierefreiheit gibt es Defizite, da das Gebäude viele Stolperfallen und für Rollstuhlfahrer nur schwer überwindbare Rampen aufweist.
Das größte Hindernis aber ist der Sanierungsstau. Das Problem ist paradox, berichtete Groß: Solange das Haus nur „repariert“ wird, genießt es Bestandsschutz. Sobald eine umfassende Sanierung beginnt, müssen die neuesten, verschärften Brandschutzbestimmungen sofort umgesetzt werden. Zwar ist das Haus laut Feuerwehr und TÜV für den aktuellen Betrieb sicher, doch die Betriebsgenehmigungen werden oft nur als Sondererlaubnisse für jeweils ein Jahr verlängert – immer in der Erwartung einer baldigen Sanierung, so der Theaterchef.
Dass das Haus dennoch nicht vernachlässigt wurde, betonte Groß ausdrücklich: In den vergangenen Jahren seien bereits Millionen investiert worden, etwa in Sicherheitsmaßnahmen wie eine neue Ober- und Untermaschinerie sowie einen Großteil der Elektronik, aber auch in einen neuen Boden im Foyer, was diesen Sommer geschehen soll.
Wie es mit dem Schauspielhaus weitergeht, steht in den Sternen. Ob das Ensemble in Bad Godesberg bleibt oder – so der präferierte Vorschlag der Verwaltung – mit der Oper nach Beuel zieht, wird derzeit intensiv debattiert. Welche Standort-Option seiner Meinung nach die beste sei, dazu wollte sich Groß gegenüber dem General-Anzeiger nicht äußern.
Aus den Reihen des Heimatvereins jedoch wurde deutlich, dass ein Wegfall des Schauspielhauses Bad Godesberg hart treffen würde. Aus kultureller Sicht, aber auch, weil es für die umliegende Gastronomie, den Einzelhandel und das soziale Gefüge essenziell ist.

