VHH Bad Godesberg
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Verein für Heimatpflege und Heimatgeschichte Bad Godesberg e.V.

Das „Rheinische Weimar“

Die Buchszene war in Bad Godesberg schon immer stark ausgeprägt: Ein Rückblick

(5. April 2018 General-Anzeiger Bonn)

VON EBBA HAGENBERG-MILIU

BAD GODESBERG. Dass die Godesberger schon immer ein belesenes Völkchen waren, dürften die älteren Jahrgänge noch wissen. Bis in die 1990er Jahre hinein warteten allein auf der Alten Bahnhofstraße und der Koblenzer Straße die drei historisch wichtigsten örtlichen Buchhandlungen Bosch, Linz und die Parkbuchhandlung mit einer ganzen Reihe gut bestückter Läden auf. Nach dem Berlin-Umzug der Bundesbeamten und der Schließung von Linz 1999 prägen zumindest die beiden anderen noch das Kulturleben – auch wenn der Internetbuchhandel schmerzt. Dass in Godesberg aber nicht nur den Händlern, sondern auch kirchlich Engagierten der Reichtum der hiesigen Szene zu verdanken ist, macht in den neusten Heimatblättern ein Beitrag von Horst Heidermann klar.

Der blickt nämlich bis 1873 zurück, als der Wuppertaler Adolf Langewiesche sich traute, neben einem Immobilienhandel in der Burgstraße die erste Buchhandlung zu eröffnen. Die durch zugezogene Protestanten aufstrebende Kurstadt zog daraufhin weitere wagemutige Buchhändler an, beseelt von der Idee eines „Rheinischen Weimar“, einer Kulturstadt der wohlbetuchten Neubürger. „1913 hatten nur 1675 Orte in Deutschland mindestens eine Buchhandlung. Aber Godesberg hatte drei aufzuweisen, schreibt Heidermann. Nämlich auch die Gerhard Kowalskjs in der Koblenzer Straße und die Georg Bühls in der Bahnhofstraße. Dazu kam ebenda der Laden Emil Strauß‘, der später an Rudolf Jung überging und 1939 als erste evangelische Buchhandlung sein 50-Jähriges feiern konnte.

Geheime Flugblätter in Nazi-Zeiten gedruckt

1925 hatte Hans Linz erst in der Koblenzer, dann in der Bahnhofstraße den gleichnamigen Buchladen eröffnet. Besitzer war Wilhelm Weil, dem auch das dortige Salamander-Schuhgeschäft gehörte und der als jüdischer Godesberger mit seiner Ehefrau Jenny 1942 in die Vernichtungslager der Nazis verschleppt werden sollte. Nach dem Krieg holten Linz‘ Ehefrau Grete sowie Franz Walter Moersch literarische Größen wie Werner Bergengrün und Martin Walser nach Godesberg.

Die Geschichte der Bücher-Bosch-Siebengebirgsbuchhandlung ging 1929 mit August Bosch aus Bad Honnef los. Der eröffnete auf Anregung der gerade zugezogenen Jesuitenpatres des Aloisiuskollegs endlich auch eine katholisch orientierte Buchhandlung im Hansa-Haus. In Nazizeiten wurden nachts in deren Kellern sogar unbemerkt von der Gestapo regimekritische Schriften gedruckt und im Laden oben an handverlesene Vertraute ausgegeben. Ehefrau Katharina Bosch, Tochter Rita, ihr Ehemann Klaus Schäfer sowie Tochter Gabriele Schäfer und deren Ehemann Klaus Krosanke waren und sind die „Macher“, die bis heute für den Erfolg sorgen. Bosch arbeitet inzwischen ausgebaut auf drei Etagen in der Alten Bahnhofstraße unter anderem auch als Schulbuchspezialgeschäft für ganz NRW.

Derweil war aus dem evangelischen Bestand des Jung’sehen Geschäfts und aus dem des da-mals protestantischen Pädagogiums von Karl Bernhard Möckel 1958 die Parkbuchhandlung von Thomas und Hildegard Tenter sowie später Tochter Renate Pick hervorgegangen. Seit 2009 führt Barbara Ter-Nedden unter dem Parkhotel die Tradition gehobener Belletristik und theologischer Titel fort, ab 2012 in größeren Räumen an der Koblenzer Straße 57. Schon zweimal erhielt sie mit Sohn Felix für ein reiches kulturelles Programm den Deutschen Buchhandelspreis. Bekannte Literaten geben sich dank ihres Vereins Lese-Kultur Godesberg die Klinke in die Hand. Ein bundesweiter Literaturpreis wird jedes Jahr vergeben. Durch engagierte Buchhändler erscheint Godesberg also auch heute wieder ambitioniert, wie vor 100 Jahren als ein kleines kulturelles Weimar des Rheinlands zu strahlen.

Für zehn Euro beim Heimat- und Geschichtsverein erhältlich: die neuste Ausgabe der Godesberger Heimatblätter mit dem Beitrag von Horst Heidermann.

 

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