VHH Bad Godesberg
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Verein für Heimatpflege und Heimatgeschichte Bad Godesberg e.V.

Mit gespitztem Bleistift im Gelände

Herausragende Professoren
Der Bonner Geologe Paul Wurster war auch Künstler

(3. April 2018 General-Anzeiger Bonn)

VON EBBA HAGENBERG-MILIU
BONN. Dass Geologen die Erde erforschen, sagt schon ihre Berufsbezeichnung. Aber wenn sie dann Sätze schreiben wie den von der „epikontinentalen deutschen Trias“, die sich „in einem flachen, übersalzenen Becken mit konstantem Wasserspiegel über stetig absinkenden Krustenstreifen“ bilde, dann ist der Nicht-Geologe überfordert. Der Satz fasst eine der paleogeografischen Schriften von Professor Paul Wurster (1926-1994) über eine Region in Südwestdeutschland zusammen. Doch dieser Professor konnte sich auch anders, das heißt allgemeinverständlicher ausdrücken. Doch dazu später.

Der Geologe, der ein Haus in Plittersdorf bewohnte und über Jahrzehnte eine Kapazität in seinem Fach war, wurde 1926 in Pfullingen geboren. Schon während des Studiums der Geowissenschaften war er an die Bonner Universität gekommen und hatte 1959 über die Er-fassung von Kreuzschichtungsgefügen promoviert. Nach seiner Habilitation 1964 in Hamburg über die „Geologie des Schilfsandsteins“ war Wurster über eine Privatdozentur in München 1968 wieder an den Rhein zurückgekehrt: als Professor und dann bis zur Emeritierung 1991 als Direktor des Geologischen Instituts an der Nussallee.

Schon 1964 hatte er den Hermann-Credner-Preis für geologische Leistungen erhalten. 1988 kam die Hans-Stille-Medaille hinzu. Wurster richtete für die Deutsche Geologische Gesellschaft Tagungen wie 1974 die zur „Geologie in Projekten der Entwicklungshilfe“ in Bonn aus. Aber er war auch ein begnadeter Zeichner, was die Geologie dann eben auch den Nicht-Experten nah brachte. Das berichtet Hermann Josef Roth, selbst Naturwissenschaftler, kürzlich in einem Beitrag der neuesten Godesberger Heimatblätter.

1997 haben Wilhelm Meyer und Ella Wurster im Nachlassbuch „Zeichnungen zur Geologie Europas“ schon 77 meisterhafte, kommentierte Zeichnungen und Skizzen Wursters im Din A 4-Format veröffentlicht. 2001 erwähnte ihn Ilse Seibold im Buch „Die Geologen und die Künste“. Roth nimmt dieses zweite große Talent des Geologen nun speziell ins Visier. Wursters wissenschaftliche Veröffentlichungen seien durchweg von außerordentlich präzisen Zeichnungen angereichert gewesen. Der Professor mit dem immer gespitzten, weichen Bleistift habe damit zur Klärung von Fachproblemen beitragen und Argumente zu strittigen Hypothesen liefern wollen. Wenn er etwa die verschiedenen Stadien der Faltenentwicklung im Boden im harmonischen Einklang zwischen Bild und Wort skizzierte, seien Spannung und Bewegung der einzelnen Schichten zueinander wunderbar hervorgetreten. Roth ist „fasziniert von der Wahl der Ausschnitte und der Sicherheit, mit der in wenigen Strichen Situationen dargestellt sind“. Die perspektivischen Verkürzungen habe Wurster offenbar mühelos bewältigt.

„Diese Kunst trat in jeder Einladungs- oder Festtagsgrußkarte zutage und besonders in den vielen Landschafts- und Architekturzeichnungen, von denen die Feldbücher von Exkursionen aus der Studenten- und Assistentenzeit voll sind.“ Aber sind die Raumbilder, die Wurster zeitlebens mit Begeisterung anlegte, nicht heutzutage leicht am Computer zu ersetzen? Roth winkt ab. Wurster habe „aus freier Hand“ sehr wohl leichte „Unregelmäßigkeiten“ erzeugt, die man mit dem Lineal nachweisen könne. Seine langen Linien wiesen schwache Krümmungen auf, ähnlich wie die Erdoberfläche. Auf diese Weise gewännen Wursters Zeichnungen aber erst an Spannung und Lebendigkeit. „Stur konstruierte perspektivische Darstellungen und Computerproduktionen bieten das nämlich nicht.“

Natürlich sind auch Wursters ehemaligen Studenten seine multiplen Talente unvergessen. „Er beeindruckte auch uns mit seinen Zeichnungen, sowohl im Feldbuch im Gelände als auch im Hörsaal“, berichtet die Geologin Monika Müller-Neumann, die heute im Bundesumweltministerium arbeitet. Typischerweise sei nach einer 45-Minuten-Vorlesung auch die gesamte Tafel mit einem mehrfarbigen geologischen Profil versehen gewesen. „Das hatte dann aber leider keine lange Halbwertszeit.“

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