VHH Bad Godesberg
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Verein für Heimatpflege und Heimatgeschichte Bad Godesberg e.V.

Steine als Mahnmal

70 Grabstätten auf dem Burgfriedhof erinnern an das Schicksal Godesberger Juden

(8. April 2016, General-Anzeiger Bonn)

VON EBBA HAGENBERG-MILIU
BAD GODESBERG. Auf dem Burgfriedhof weht der Wind über vier Reihen schmuckloser Grabstätten. Efeu und Bodendecker ranken sich über Steine und Erde. Eingeschliffene Davidsterne und zum Teil hebräische Schriftzeichen signalisieren jüdische Herkunft. Es herrscht die Ruhe der Toten, die nach den Gesetzen des Talmuds auch nicht durch Gärtnerarbeit gestört werden soll. „Ihre Seelen sind eingebunden in das Bündel des Lebens“, steht vielfach eingemeißelt. Doch der Gang durch die Grabreihen beschwört erst einmal nicht das Leben. Er wird von Stein zu Stein zum furchtbaren Erinnern an einen unwiederbringlich verlorenen Teil Bad Godesberger Stadtgeschichte.

Von den meisten alteingesessenen und angesehenen jüdischen Familien liegen hier die bis 1938 verstorbenen Mitglieder in Ehren begraben – nur deren Ehepartner, Geschwister und Kinder findet man nicht. Der kleine Friedhof zeigt: Das Nazi-Terrorregime hat diese Godesberger bis 1945 fast allesamt in die Todeslager geschickt. Von nennenwertem Widerstand der Mitbürger ist wenig bekannt. Harald Uhl hat in den neuesten „Heimatblättern“ in Detailarbeit Informationen zu den jüdischen Gräbern zusammengetragen, Martin Ammermüller hat jede Ruhestätte fotografiert. So steht nun ein eindrucksvolles Nachschlagewerk zur Verfügung.

Die Isaaks aus Friesdorf

Tiefe Trauer spiegelt etwa das Grab der 13-jährigen Hedwig Isaak. Auf heute verwittertem Stein beklagen die Eltern Max und Sara Isaak 1920 den Verlust der „innigstgeliebten und unvergesslichen“ Tochter. Doch sie selbst, das Metzgerpaar aus der Friesdorfer Straße 92, konnten nicht ahnen, dass sie nicht hier, sondern im fernen Treblinka unter die Erde kommen sollten: 1942 deportiert und brutal ermordet. In Godesberg erinnern an sie, wie in den meisten Fällen, nur noch die Stolpersteine vor ihrem Haus, die der Künstler Gunter Demnig in seinem Projekt bundesweit zum Gedenken setzt.

Bäckermeisterin Else Welter

Unweit ruht unter einem schmalen dunklen Stein seit 1938 die Bäckermeisterin Else Welter aus der Godesberger jüdischen Familie Oster. In der Heimatstadt begraben zu werden, das war etwa ihrem Bruder Theodor Oster und seiner Frau Martha aus der Burgstraße 46 nicht vergönnt: 1942 wurden sie im KZ Theresienstadt verscharrt.

Familie Spiegel

Ebenso erging es Johanna Spiegel aus der Familie der Schuhhändler in der Alten Bahnhofstraße 8. Sie hatte ihre ältere Schwester und Geschäftsführerin Rosa noch an der Godesburg begraben können. 1942 wurde sie als 76 Jahre alte Frau im
KZ Theresienstadt umgebracht.

Sterne für Else Frenkel

Die 1927 im Markusstift verstorbene Näherin Else Frenkel hat von ihrer Familie noch ein ehrenvolles Begräbnis auf dem Burgfriedhof bekommen. Der schöne, mit Sternen geschmückte Grabstein für Else Frenkel erinnert wie die Stolpersteine in der Burgstraße an die gesamte Familie.

Ein Grab, viele Namen

Auf den massiven Grabstein der Familie David Daniel haben die Nachkommen „Ruhestätte“ geschrieben. Die Nazis haben ihnen bis 1945 alle Verwandten genommen, die nicht aus Godesberg geflohen sind, wie auf dem mit Totennamen eng gefüllten Stein zu entziffern ist. Allein Vater David ist 1938 offensichtlich noch eines natürlichen Todes gestorben. Er allein liegt auf dem Burgfriedhof – mit der auf dem Stein verzeichneten Erinnerung an seine Frau Jeanette: umgebracht in Auschwitz, wie ihre Kinder Frieda und Helene. Die Geschwister Josef und Verona: er-
mordet in Sobior und an unbekanntem Ort in Polen. Die Daniels waren Metzger, Bürger von nebenan, bis sie die Verfolgungsmaschinerie 1942 in die Flucht in die Niederlande trieb, von wo sie trotzdem noch alle in die Vernichtungslager deportiert wurden.

Flucht in den Tod

An das Schicksal von Rosa Rosenthal erinnern in Bad Godesberg zwei Gedenkorte: der Stolperstein vor ihrem Haus in der Rüngsdorfer Straße 4c und ihr Grabstein am Burgberg. Die goldene Schrift auf grauem Stein gibt als Todestag den 19. Juli 1942 an. Wurde die 72-Jährige also nicht mehr in die Gaskammern der Todeslager getrieben? „Flucht in den Tod“ steht auf ihrem Stolperstein. Die anderen Godesberger Juden waren damals schon in Sammelstellen in Bonn und Köln geschafft worden, außer Rosa und ihrer Tochter Johanna Bauer. Angstvoll saß die Familie in dem als Schneiderei genutzten Haus.

Draußen hatte sich der Mob versammelt, um mögliche Kundschaft zu vertreiben. Die alte Frau verzweifelte – und steckte in der Küche den Kopf in den Gasherd. Die Spender ihres Stolpersteins, Familie Engelbert Küpper, sagten, es sei gut, dass man sich vor Rosa Rosenthals Stein im Pflaster vor dem Haus erst verbeugen müsse, wenn man ihn lesen wolle.
Das kann man auch auf dem jüdischen Teil des Burgfriedhofs vor gut 70 Gräbern tun. Viele der 133 unter dem NS-Regime ermordeten Mitglieder der Godesberger Synagogengemeinde hatten hier ihre Angehörigen noch beerdigt. Nach 1945 kamen nur wenige Gräber hinzu.

An sie alle erinnert seit 1998 ein auf dem Friedhof aufgestellter Gedenkstein mit dem eingeschliffenen Davidstern.

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